Viele alten Menschen berühren mich zutiefst
Es sind vor allem ihre Augen, ihre Blicke.
Keine Ahnung, warum gerade sie so viel in mir auslösen.
Da sind Augen, die schon trüb geworden sind. Tiefe Falten liegen um sie herum, die Haut ist weich und vom Alter gezeichnet.
Und dennoch ist da etwas in diesen Blicken, das mich erreicht. Unmittelbar. Ohne ein Wort.
Das Merkwürdige daran: Diese Menschen müssen gar nicht traurig wirken!
Im Gegenteil.
Ich sehe eine alte Frau auf einer Bank sitzen, das Gesicht der Sonne zugewandt.
Einen älteren Herrn, der langsam seinen Einkauf nach Hause trägt.
Zwei Menschen, die sich unterhalten und dabei lachen. Sie wirken zufrieden. Friedlich. Ganz bei sich. 🙂
Und trotzdem macht dieser wahrgenommene Moment etwas mit mir.
Er macht mich traurig.
Es gibt sogar Augenblicke, in denen sich ein Gefühl dazu mischt, das beinahe wie „Schuld“ sich anfühlt.
Wofür? Warum?
Ich habe keine Ahnung.
Ich kenne diese Menschen nicht. Weiß nichts über ihr Leben, ihre Freude, ihre Verluste oder darüber, wie sie selbst auf all die Jahre zurückblicken.
Und es steht mir auch gar nicht zu, Traurigkeit in einen Blick hineinzulesen, der womöglich ganz etwas anderes wiederspiegeln soll!
Denn die alte Dame auf der Bank kann gerade vollkommen glücklich sein.
Und ich bin diejenige, die traurig wird.
Dafür muss ich gar keine Erklärung finden.
Es ist dieser Blick. Es sind diese Augen.
Ein Blick aus Augen, die schon so viel länger auf diese Welt schauen als meine! Die Gesichter gesehen haben, die heute nicht mehr da sind.
Orte, die längst anders aussehen. Menschen, die kamen und gingen. Jahre, die sich irgendwann zu einem ganzen Leben zusammengesetzt haben.
Und noch etwas beobachte ich immer wieder.
Es sind erstaunlich oft die alten Menschen, die zuerst grüßen!
Sie schauen dich an. Ihre Augen müde aber dennoch funkeln sie. Sie heben kurz den Kopf. Ein freundliches „Grüß Gott“, ein Lächeln, ein Nicken.
Während Jüngere aneinander vorbeigehen, den Blick aufs Handy gerichtet oder irgendwohin, nur nicht zum Menschen gegenüber.
Ich will daraus keine Geschichte von „früher war alles besser“ machen. Das wäre mir zu einfach.
Ich beobachte nur.
Und ich frage mich wie schon so oft, WANN es so selbstverständlich geworden ist, aneinander vorbeizugehen, ohne einander überhaupt noch wahrzunehmen.
Ausgerechnet jene, deren Schritte langsamer geworden sind, nehmen sich offenbar noch die Zeit, einen anderen Menschen anzusehen.
Das berührt mich … macht mir einen „warmen“ Bauch. 🙂
Denn rund um diese Augen, diesem Gesicht, liegen die Spuren eines ganzen Lebens.
Falten. Ich finde sie nicht hässlich. Ganz im Gegenteil.
Gerade diese tiefen Linien erzählen etwas, ohne dass ich die Geschichte dahinter kennen muss.
Hier hat jemand gelebt.
Gelacht.
Geweint.
Geliebt.
Sich gesorgt.
Gewartet.
Verloren.
Weitergemacht.
Ein ganzes Leben hinter einem einzigen Blick!
Und wenn sich unsere Augen für einen kurzen Moment treffen, passiert etwas Merkwürdiges.
Dieser Mensch geht weiter. Ich auch.
Und trotzdem nehme ich etwas von ihm mit.
Keine Geschichte, denn die kenne ich nicht. Nur seinen Blick. Seinen Gruß.
Und ein leises Ziehen irgendwo in mir, für das ich bis heute keine Erklärung habe.
BEOBACHTET.



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