Bei dem Wort „Tragödie“denken wir meist an die großen Dinge. An Tod, schwere Krankheit, Verlust, einen Unfall, an etwas, das von einem Moment auf den anderen ein ganzes Leben verändert. Dabei begegnen mir immer wieder Menschen, deren Tragödie viel stiller ist.
Tragödie …
SIE hat keinen Namen, über den andere erschrocken die Hand vor den Mund halten. Sie steht in keiner Zeitung und oft weiß nicht einmal das nähere Umfeld, dass es sie gibt. Sie sitzt einfach mit am Frühstückstisch, fährt morgens mit zur Arbeit, geht einkaufen und legt sich abends wieder mit ins Bett.
Da ist eine Frau, die seit Jahren in einer Beziehung lebt, in der längst keine Nähe mehr stattfindet. Ein Mann steht jeden Morgen auf und geht in eine Arbeit, die ihn schon lange unglücklich macht. Eltern und erwachsene Kinder sprechen seit Jahren kein Wort miteinander. Jemand hat ein schönes Zuhause, Menschen um sich herum und fühlt sich trotzdem einsam.
Von außen sieht man davon erstaunlich wenig!
Die Wäsche wird trotzdem gewaschen. Rechnungen werden bezahlt. Geburtstage gefeiert. Der Rasen wird gemäht. Man trifft Bekannte, redet über das Wetter, lacht an den richtigen Stellen und antwortet auf die Frage „Wie geht’s dir?“ mit einem erstaunlich überzeugenden: „GUT.“
Beobachten kann ich das schon ziemlich lange und frage mich, wie viele kleine und große Tragödien wohl täglich vollkommen unbemerkt an uns vorbeigehen?
Wahrscheinlich jede Menge.
Und dann gibt es natürlich jene Tragödien, die mit voller Wucht in ein Leben krachen und nichts mehr dort lassen, wo es vorher war. Ein geliebter Mensch stirbt. Eine Diagnose verändert plötzlich alles! Eine Existenz zerbricht. Eine Familie fällt auseinander. Etwas geschieht, das sich nicht rückgängig machen lässt.
Bei solchen Dingen mag ich Sätze wie „Alles hat seinen Sinn“ nicht besonders.
Denn nicht alles braucht und hat einen Sinn! Nicht aus jedem Schicksalsschlag muss irgendwann etwas Wunderbares entstehen. Manche Dinge sind einfach nur traurig, ungerecht oder verdammt schwer. Und wer mittendrin steckt, braucht vermutlich am allerwenigsten jemanden, der ihm erklärt, dass er nur seine Einstellung ändern müsste!
Was mich berührt, ist etwas anderes.
Wie unterschiedlich Menschen mit dem leben, was ihnen widerfahren ist.
Ich kenne Menschen, die Dinge erlebt haben, bei denen ich mich frage, wie sie morgens überhaupt noch aufstehen können. Und dann – ich kann manchmal nicht glauben – sitzen sie vor mir, trinken ihren Tee erzählen irgendeinen Blödsinn und lachen.
Nicht ständig und ganz sicher nicht, weil alles wieder gut geworden ist. Dennoch strahlen sie eine Ruhe aus und vor allem – sie lachen. 🙂
Andere brauchen Jahre, bis dieses Lachen wiederkommt. Einige werden stiller. Andere lauter. Einer zieht sich zurück, der Nächste braucht Menschen um sich. Jemand kämpft. der andere ist müde vom Kämpfen. Einer steht schnell wieder auf und ein anderer bleibt einfach liegen.
Wer will von außen beurteilen, wie lange ein Mensch für seine eigene Tragödie brauchen darf?
Ich jedenfalls nicht. Trotzdem fällt mir bei manchen Menschen etwas auf, das sich nur schwer beschreiben lässt.
Es scheint sich etwas zu „verschieben“.
Das Geschehene ist noch da. Die Erinnerung auch. Der Verlust, die Enttäuschung, die Krankheit oder das, was zerbrochen ist, verschwindet nicht einfach.
Aber r es bekommt einen anderen Platz. Es sitzt nicht mehr auf jedem Stuhl. Es hängt nicht mehr in jedem einzelnen Gedanken.
Es ist auf einmal neben all dem Schweren wieder etwas anderes.
Ein Essen, das schmeckt. Ein Gespräch, das richtig guttut. Musik die wahrgenommen wird. EIN PLAN!
Ein Mensch und auch ein belangloser Tag, der einfach schön ist. Ein Lachen, von dem man eine Zeit lang geglaubt hat, dass es wohl nicht mehr zurückkommen wird.
Da habe ich mich gefragt, ob genau dort der kleine, aber entscheidende Unterschied liegt:
Ob wir IN unserer Tragödie leben – oder irgendwann lernen, MIT ihr zu leben.
Das eine schließt uns darin ein und das andere nimmt sie mit.
Weil sie nun einmal Teil der eigenen Geschichte geworden ist.
Es ist erstaunlich, wie viel gleichzeitig in ein einziges Leben hineinpasst!
Trauer und Freude. Verlust und Neugier.
Angst und Mut. Erinnerungen, die weh tun, und neue, die trotzdem entstehen.
Und offenbar kann ein Mensch etwas sehr Schweres in sich tragen und sich gleichzeitig über einen vollkommen gewöhnlichen Tag freuen. 🙂
Das eine macht das andere nicht weniger wahr.
Es gibt eben viele Möglichkeiten, in einer Tragödie zu leben.
Und ich glaube, es gibt ebenso viele Möglichkeiten, irgendwann mit ihr weiterzuleben.
Weil das Leben neben „IHR“ langsam wieder ein bisschen Platz bekommen hat.
Und dann sitzt da ein Mensch, dessen Geschichte wir nicht kennen. Er trinkt seinen Tee, erzählt Quatsch und lacht.
WIR, sehen nur diesen einen Moment. Was er alles mit an diesen Tisch gebracht hat, sehen wir nicht.
Ich glaube, wir sollten genau DAS NIE vergessen …



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