Ehrliche Gedanken über das, was wir erst vermissen, wenn es fehlt …
Manchmal stoße ich auf alte Notizen von mir und merke, dass sich manche Fragen hartnäckig halten, egal wie viele Jahre vergehen. Eine davon hat mich wieder eingeholt, weil sie zeitlos ist – und unbequem zugleich!
Warum warten wir so oft, bis etwas ins Wanken gerät, bevor wir erkennen, wie gut es uns eigentlich ging? Warum wird uns der Wert von Menschen, Momenten oder Möglichkeiten erst bewusst, wenn sie sich verändern oder ganz verschwinden?
Wir besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung. Schwierige Umstände fordern uns heraus, wir richten uns neu aus, arrangieren uns, wachsen hinein – und erstaunlich schnell pendelt sich unser inneres Empfinden wieder ein. Was zunächst unerträglich erschien, wird Teil unseres Alltags. Doch genau diese Anpassungsfähigkeit hat eine zweite Seite, über die wir weniger gern sprechen: Auch Glück nutzt sich ab, wenn wir nicht wach bleiben!
Der Mensch an unserer Seite, mit dem wir jeden Tag aufwachen – wann haben wir ihn zuletzt wirklich angesehen, ohne nebenbei schon den nächsten Termin im Kopf zu haben? Wie verabschieden wir uns, wenn wir morgens das Haus verlassen? Mit Präsenz oder im Vorbeigehen? Das Auto, das uns Freiheit schenkt und Wege erleichtert, das Zuhause, das Schutz bietet, der vertraute Alltag, der uns trägt – all das rutscht leise in die Kategorie „selbstverständlich“. Und was selbstverständlich wird, verliert in unserer Wahrnehmung an Glanz.
Nicht, weil es weniger wert wäre. Sondern weil wir uns schlicht und einfach daran gewöhnt haben.
Diese Gewöhnung ist menschlich. Doch sie ist auch – finde ich – gefährlich, wenn wir sie unbewusst geschehen lassen. Denn sie lässt uns glauben, das „Besondere“ müsse spektakulär sein, laut, außergewöhnlich. Dabei liegt ein Großteil unseres Glücks im Unauffälligen, im Wiederkehrenden, im scheinbar sehr Banalen.
Die Fähigkeit, außergewöhnliche Freude in gewöhnlichen Momenten zu entdecken, ist keine naive Romantik. Sie ist eine bewusste Entscheidung. Für mich ist genau das Lebenskunst: das Hier und Jetzt nicht nur zu durchlaufen, sondern es wahrzunehmen! Den Kaffee nicht nur zu trinken, sondern ihn zu schmecken. Ein Gespräch nicht nur auffangen, sondern führen. Ein Zuhause nicht nur zu bewohnen, sondern es als sicheren Ort zu begreifen.
Es geht nicht darum, ständig dankbar zu lächeln oder sich etwas schönzureden. Ich finde, es geht darum, nicht erst durch Verlust lernen zu müssen, was eigentlich längst da war.
Vielleicht sind wir dann nicht glücklicher im klassischen Sinn. Doch wir werden wacher. Und mit dieser Wachheit wächst Zufriedenheit – ruhig, stabil, tragfähig.
Das Gute war nie weg – wir haben nur vergessen, hinzusehen.



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