Einander zu berühren tut uns gut. In vielerlei Hinsicht. Und trotzdem geschieht es immer seltener.
Warum eigentlich?
Ich schreibe heute nicht über romantische Intimität oder Liebe. Nicht über Sexualität. Berührung muss nicht automatisch etwas mit all dem zu tun haben. Mir geht es um etwas viel Alltäglicheres – und gleichzeitig viel Tieferes: um Nähe, die Stress reduziert, Sicherheit vermittelt, Selbstvertrauen stärkt. Um Berührung als etwas Menschliches, nicht als etwas Aufgeladenes.
Ich erinnere mich gut daran, wie selbstverständlich körperliche Nähe früher für mich war. Wie ich mit Freundinnen Hand in Hand gegangen bin, wie wir uns zur Begrüßung abgeknutscht haben, uns einfach so den Nacken massiert oder über den Rücken gestrichen haben. Diese Nähe war leicht. Sie war nicht erklärungsbedürftig. Sie war einfach da. Und sie fühlte sich gut an. Sicher. Vertraut. Geborgen.
Als junger Mensch habe ich Zuneigung ganz offen gezeigt – nicht nur mit Worten, sondern ganz selbstverständlich auch über Körperkontakt. Damals hat mich das gestärkt. Ich habe mich dadurch gehalten gefühlt, eingebettet, verbunden. Nähe war kein Risiko, sondern ein Geschenk.
Und heute?
Heute ist vieles anders. Heute umarme ich selbst meinen Partner viel zu selten. Nicht aus Mangel an Liebe, sondern weil sich Nähe im Alltag irgendwie verloren hat. Und ich weiß: Ich bin damit nicht allein. In Gesprächen höre ich es immer wieder – dieses leise Bedauern darüber, dass Berührung fehlt. Und damit ist kein sexueller Kontakt gemeint. Sondern eine Umarmung. Eine Hand auf der Schulter. Ein kurzer Moment von Nähe ohne Hintergedanken.
Dabei brauchen wir Menschen Berührung fast so sehr wie die Luft zum Atmen. Erwachsene ebenso wie Kinder. Babys wissen das instinktiv. Berührung reguliert, beruhigt, stärkt. Unsere Haut ist unser größtes Sinnesorgan, und eine Umarmung wirkt wie ein kleiner Wohlfühlcocktail: Glücks- und Bindungshormone werden ausgeschüttet, Herzschlag und Atem werden ruhiger, Stresshormone sinken. Nähe stärkt Bindung, Vertrauen, seelische Stabilität. Und wenn sie über längere Zeit fehlt, verkümmern wir – manchmal leise, manchmal krank.
Und trotzdem tun wir uns so schwer damit.
Warum?
Ich glaube, es hat viel mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Wir leben individualistischer, oft in kleineren Familien, räumlich und emotional weiter voneinander entfernt. Wir kommunizieren ständig – aber immer öfter über Bildschirme, Nachrichten, Sprachnachrichten. Begegnungen von Angesicht zu Angesicht werden seltener. Nähe wird digital ersetzt, aber nicht wirklich gespürt.
Dazu kommt etwas anderes: Berührung ist in der Öffentlichkeit zunehmend sexualisiert. Werbung, Social Media, Musik – Intimität wird fast automatisch mit Sex verknüpft. Und genau das nimmt uns etwas Wichtiges: das natürliche Verständnis dafür, dass körperliche Nähe auch einfach menschlich sein darf. Ohne Bedeutung. Ohne Erwartung. Ohne Fortsetzung.
Ich selbst komme aus einer Familie, in der Körperkontakt nicht vorkam. Umarmungen gab es kaum! Nähe noch seltener. Als Kind habe ich gelernt, Abstand zu halten. Und lange hatte ich Angst, mich anderen körperlich zu nähern – aus Angst vor Zurückweisung, vor falscher Reaktion, vor Ablehnung. Erst mit der Zeit habe ich erfahren, dass Nähe nicht gefährlich ist. Dass nichts Schlimmes passiert. Dass Berührung verbinden kann, wenn sie stimmig ist.
Ich bin bis heute keine große „Kuschlerin“. Aber ich habe gelernt, Berührung – vorausgesetzt, die Chemie stimmt – als etwas sehr Wertschätzendes zu sehen! Als etwas Beruhigendes, Schönes, Menschliches. Nicht selbstverständlich, sondern bewusst.
Wir Menschen sind ein eigenartiges Volk. Wir sehnen uns nach Nähe – und gleichzeitig fürchten wir sie. Ein Teil von uns will sich hingeben, ein anderer unbedingt autonom bleiben. Berührung kann deshalb auch Unbehagen auslösen. Diese leise Frage im Kopf: Wie viel Nähe darf ich zulassen, ohne mich selbst zu verlieren?
Manchmal wird aus dieser inneren Spannung körperlicher Stress. Und den wollen wir lieber nicht spüren. Also halten wir Abstand. 🙁
Mir ist klar geworden: Um Nähe zulassen zu können, muss man mit sich selbst einigermaßen im Reinen sein. Selbstfürsorge, Achtsamkeit, ein Gespür für die eigenen Grenzen – all das spielt eine Rolle. Fehlt diese Verbindung zu sich selbst, werden wir auch unsensibler für die Bedürfnisse anderer. Berührung ist nicht gleich Berührung. Sie braucht Wahrnehmung. Respekt. Präsenz!
Bestimmt geht es am Ende gar nicht darum, wieder mehr zu umarmen. Vielleicht geht es darum, Nähe nicht länger zu misstrauen? Sie nicht sofort einzuordnen, zu bewerten oder zu erklären. Sondern ihr wieder mehr Raum zu geben – dort, wo sie sich richtig anfühlt. <3
Es reicht schon ein ehrlicher Satz.
Komm her und lass dich drücken. 🙂
Ich schicke dir heute eine virtuelle, herzliche Umarmung. In wertschätzender Absicht.
Und wenn du magst, teile diesen Beitrag mit jemandem, der dir etwas bedeutet.
Wenn du magst … schon bis ganz bald.



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