Gerade verschlinge ich ein wunderbares Buch: „Heimwärts voraus“ von Alexandra Soerensen. Dabei bin ich über zwei Sätze gestolpert, die mich beschäftigen. 🙂
„Der Mensch neigt zur Verdrängung.“ UND
„Manchmal beneide ich Tiere um ihre Unwissenheit.“
Je genauer ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, dass diese beiden Sätze zusammengehören!
Wir verwenden das Wort VERÄNDERUNG oft negativ. Als würden wir vor etwas davonlaufen. Als wäre sie ein Zeichen von Schwäche oder Unehrlichkeit.
Doch was, wenn genau das Gegenteil stimmt?
Was, wenn Verdrängung eine der klügsten Fähigkeiten unseres Gehirns ist?
Stell dir doch mal vor, wir würden jeden Morgen aufwachen und uns in jeder Minute bewusst machen, dass unser Leben endlich ist. Dass Menschen, die wir lieben, eines Tages nicht mehr da sein werden. Dass auch unsere eigene Zeit begrenzt ist.
Wie sollten wir da noch unbeschwert lachen?
Wie könnten wir Pläne schmieden, uns auf den nächsten Urlaub freuen oder den ersten Cappuccino des Tages einfach genießen?
Ich denke, wir würden an dieser Last irgendwann zerbrechen.
Also macht unser Gehirn etwas Erstaunliches!
Es schiebt diese Gedanken behutsam in den Hintergrund.
Nicht, damit wir die Wahrheit vergessen, sondern damit wir LEBEN können.
Es ist ein Schutzmechanismus, der uns ermöglicht, den Alltag mit Leichtigkeit zu füllen, obwohl wir tief in unserem Inneren wissen, dass nichts für immer bleibt.
Darin liegt etwas zutiefst Menschliches.
Denn obwohl wir unsere Vergänglichkeit kennen, kaufen wir uns jede Woche einen schönen Blumenstrauß, planen Reisen, feiern Geburtstage, pflanzen Bäume, verlieben uns und träumen von der Zukunft und vieles mehr!
Ist das nicht eigentlich ein kleines Wunder?
Der zweite Satz, den ich gelesen habe, auch er hat mich sofort abgeholt:
„Manchmal, beneide ich Tiere um ihre Unwissenheit.“
Ob Tiere tatsächlich nichts von ihrer Endlichkeit wissen, kann niemand beantworten.
Doch sie wirken, als würden sie den Augenblick vollständig annehmen!
Sie freuen sich über die Sonne, den Regen. Den Wind, ihr Futter. Über Nähe.
Nicht gestern und auch nicht morgen. JETZT!
Genau darin liegt etwas, das wir Menschen von ihnen lernen können.
Nicht die Unwissenheit, sondern die Fähigkeit, dem gegenwärtigen Moment mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Denn dort findet das Leben statt.
Nicht in den Sorgen von morgen.
Nicht in den Erinnerungen von gestern.
Sondern in einem Lächeln, einem guten Gespräch, einem Sonnenstrahl auf der Haut oder dem Duft der frisch gekauften Blumen am Esstisch.
„Verdrängung“ müssen wir nicht bekämpfen. Wir dürfen ihr sogar dankbar sein. Sie nimmt uns die Wahrheit nicht!
Sie dosiert sie nur so, dass unser Herz sie tragen kann.
Dadurch können wir jeden Tag wieder aufstehen, lieben, hoffen, lachen und schöne Dinge tun.
Genau darin liegt das große Geschenk unseres Menschseins: Wir wissen, dass nichts für immer bleibt – und entscheiden uns trotzdem jeden Tag aufs Neue für das Leben, in dem auch immer etwas Wahnsinn und Chaos steckt. 🙂
Müssen wir wirklich alles jederzeit fühlen und wissen – oder liegt die Kunst des Lebens nicht vielmehr darin, dem Augenblick mehr Raum zu geben als der Angst vor dem Morgen?
Schön, dass du mich heute in meinen Gedanken begleitet hast. 🤍
Bis ganz bald …



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