Selbstliebe im Sonderangebot

Persönliches, Seelenleben

Ich muss etwas gestehen: Die Selbstliebe-Szene geht mir zunehmend auf die Nerven.
Nun ist es raus und ich wundere mich selbst ein wenig über mich! 🙂

Ich meine NICHT die echte Selbstliebe. Nicht die ehrliche Version davon. Nicht jene, die uns durch schwierige Zeiten trägt, uns daran erinnert, freundlich mit uns selbst umzugehen und uns hilft, nach einem Sturz wieder aufzustehen.

Nein. Ich spreche von der Selbstliebe, die inzwischen an jeder Ecke verkauft wird.

„Du bist perfekt, wie du bist.“ „Denk positiv.“

„Du musst nur an dich glauben.“ „Alles ist möglich.“

„Manifestiere dein Traumleben.“ „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst.“

Ganz ehrlich?

Wenn ich das lese oder höre, habe ich zunehmend das Gefühl, dass mir wieder jemand etwas verkaufen möchte. Irgendeine Instant-Lösung für mein Seelenheil. Ein Glücksrezept in drei einfachen Schritten. Ein Leben ohne Zweifel, ohne Unsicherheit, ohne schlechte Tage. Am besten sofort lieferbar und natürlich mit Geld-zurück-Garantie.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin inzwischen in einem Alter angekommen, in dem ich schnellen Lösungen grundsätzlich misstraue!

Nicht aus Zynismus. Sondern aus Erfahrung.
Das Leben hat mir nämlich etwas anderes beigebracht.

Es verläuft selten geradlinig. Es hält sich auch nicht an Motivationssprüche. Es fragt nicht, ob wir gerade bereit sind für die nächste Herausforderung. Und es interessiert sich herzlich wenig dafür, ob wir heute positiv denken oder nicht.

Manche Tage sind wunderbar. Andere wiederum schrecklich, hektisch, launisch und unbequem.
Die meisten liegen einfach irgendwo dazwischen …

Gerade wir Frauen kennen das doch. Da gibt es Tage, an denen wir uns stark fühlen, mutig, voller Energie. Und dann gibt es diese anderen Tage. Die Tage, an denen wir an uns zweifeln, uns überfordert fühlen, traurig sind oder einfach keine Lust haben, ständig an uns zu arbeiten!

JA, auch das gehört zum Leben.

Trotzdem scheint es mittlerweile fast verpönt zu sein, genau darüber zu reden.
Stattdessen wird optimiert, manifestiert, visualisiert und affirmiert, was das Zeug hält. Wer noch nicht glücklich ist, soll offenbar einfach intensiver an sich arbeiten. Wer zweifelt, glaubt nicht genug an sich. Wer traurig ist, denkt vermutlich zu negativ.

Wenn das tatsächlich stimmen würde, hätten Depressionen längst Hausverbot und sämtliche Psychotherapeutinnen könnten ihre Praxen schließen!

Leider funktioniert die Welt nicht so.
Ich kenne Menschen, die alles gegeben haben und trotzdem gescheitert sind. Menschen, die positiv gedacht haben und dennoch krank wurden. Menschen, die gekämpft haben wie Löwinnen und trotzdem durch dunkle Zeiten mussten.

Und ich kenne mich selbst … SEHR gut!

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Aufstehen bereits eine Tagesleistung ist. Ich weiß, wie sich Angst anfühlt. Zweifel. Erschöpfung. Das Gefühl, nicht weiterzuwissen. Keiner dieser Zustände verschwand, weil jemand einen hübschen Kalenderspruch gepostet hat!

Was mir geholfen hat, war etwas ganz anderes:

Ehrlichkeit. Akzeptanz. Menschen, die auch in schwierigen Phasen geblieben sind.
Therapie. ZEIT und Geduld.
Und die Erkenntnis, dass nicht jeder Tag ein guter Tag sein muss, um ein wertvoller Tag zu sein.

Für mich bedeutet Selbstliebe heute etwas völlig anderes als vor vielen Jahren.
Sie bedeutet nicht, mich jeden Morgen vor den Spiegel zu stellen und mir einzureden, dass ich großartig bin.
Sie bedeutet auch nicht, jeden Gedanken positiv umzudeuten.
Sie bedeutet, mir selbst an schlechten Tagen dieselbe Freundlichkeit entgegenzubringen, die ich einer guten Freundin schenken würde.

Sie bedeutet, mir Fehler zu erlauben.
Grenzen zu setzen und Pausen zu machen!
Nicht ständig funktionieren zu müssen.

Und anzuerkennen, dass Zweifel kein persönliches Versagen sind, sondern ein Teil des Menschseins.

Genau hier liegt mein Problem mit der modernen Selbstliebe-Industrie.
Sie verkauft oft das Gefühl, wir müssten erst besser, glücklicher, erfolgreicher oder selbstbewusster werden, um endlich bei uns anzukommen.
Dabei glaube ich inzwischen etwas anderes.
Wir müssen nicht ständig „repariert“ werden.

Wir müssen auch nicht rund um die Uhr positiv denken!
Und dass ein Mensch auch dann wertvoll ist, wenn er gerade keinen einzigen motivierenden Gedanken zustande bringt.
Die ruhige Form der Selbstliebe, die ich inzwischen schätze, ruft nicht laut von einer Bühne.

Sie spricht leise … unaufgeregt: „Heute musst du nicht die beste Version deiner selbst sein. Es reicht schon, dass du da bist!“

Und weißt du was ich dabei denke?

ES erscheint mir inzwischen deutlich glaubwürdiger als jedes Glücksversprechen, dass irgendwo angeboten wird!
Geht es nur mir so, oder sehnen wir uns insgeheim alle nach etwas weniger Selbstoptimierung und etwas mehr echtem Leben?

Wenn du mir dazu deine Gedanken mitteilen möchtest – immer her damit, ich freue mich darauf! 🙂

Xo Sandra

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