ALT GENUG.

So ein seltsamer Satz …

Man hört ihn ständig. Alt genug für dies. Alt genug für das. Alt genug, um vernünftig zu sein. Alt genug, um es besser zu wissen. Alt genug, um endlich zu sich selbst zu stehen! Aber wann genau tritt dieser Moment eigentlich ein?

Mit fünfzig? Mit sechzig? Mit siebzig?

Oder bekommt man eines Morgens einen Brief zugeschickt, auf dem steht: Herzlichen Glückwunsch. Sie haben soeben die Stufe Alt genug erreicht. Ab sofort verstehen Sie das Leben, lieben Ihre Falten und haben Frieden mit Ihrem Hüftspeck geschlossen.
Falls jemand diesen Brief erhalten hat – ich warte noch darauf.

Seit ich denken kann, gehöre ich zu den „suchenden“ Frauen. Zu denen, die Fragen stellen, obwohl längst Antworten im Raum stehen. Zu denen, die etwas suchen, finden und trotzdem weiterziehen. Nicht aus Unzufriedenheit. Eher aus Neugier. Oder aus dieser schwer erklärbaren Sehnsucht nach etwas, das sich nie ganz greifen lässt. Das war mit zwanzig so, mit vierzig und mit zweiundsechzig ist es keinen Deut anders geworden.

Das Leben hat Humor. Manchmal. Das muss ich schon sagen.
Der Blick in den Spiegel übrigens auch.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie weit weg mir das Alter früher schien. Das war etwas, das anderen passierte. Frauen, die über kaputte Bandscheiben sprachen. Frauen, die Sätze sagten wie: „Warte nur, bis du in mein Alter kommst.“ Heute bin ich in ihrem Alter angekommen und frage mich ernsthaft, wie das so schnell passieren konnte?

Mir blieb keine Zeit, mich vorzubereiten.
Zumindest fühlt es sich so an.

Als hätte mir gestern noch jemand zugerufen: „Du hast alle Zeit der Welt.“ Und heute stehe ich vor dem Spiegel und frage mich, wer diese Frau ist, die mir so vertraut vorkommt und gleichzeitig so fremd. Nicht fremd im schlechten Sinn. Eher wie jemand, den ich mein ganzes Leben begleitet habe, ohne ihn jemals wirklich richtig gut kennenzulernen.

Und eines muss ich sagen: Ich gehöre nicht zu den Frauen, die behaupten, das Altern sei ausschließlich wunderbar.
Würde ich das tun, wäre es Lüge pur!
Ich mag übrigens viele dieser gut gemeinten Sprüche nicht leiden.

„Alter ist nur eine Zahl.“ „Reife Frauen sind wie ein guter Wein.“ Oder „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“

NEIN. Alter ist nicht nur eine Zahl. Alter ist auch ein Spiegel. Ein Körper, der plötzlich andere Regeln aufstellt. Veränderungen, die man sich freiwillig nie aussuchen würde.
Es gibt Abschiede von Dingen, die man nie verabschieden wollte!
Und offen gestanden finde ich den Satz Für dein Alter schaust du aber noch gut aus „besonders unerquicklich.

Das soll ein Kompliment sein? Für mich ist es keines.
Bei mir kommt an: „Eigentlich hätte ich deutlich Schlimmeres erwartet.“ Danke auch.

Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, dass wir Frauen uns rund um das Älterwerden eine Menge Geschichten erzählen. Geschichten von Gelassenheit. Von innerer Schönheit. Von Falten, die angeblich nur Charakter zeigen. Von der berühmten Aussage, dass das eigene Aussehen irgendwann nicht mehr wichtig sei, da es Wichtigeres als dieses gäbe. Natürlich steckt darin etwas Wahres. Aber es ist eben nicht die ganze Wahrheit!

Still und heimlich würden wir gerne gelegentlich ein Tauschgeschäft eingehen wollen. Falte gegen Charakter zum Beispiel …
Zwischen Ansatz färben, Augenarztterminen und der Frage, warum plötzlich alles so weich wird, wo es noch gar nicht so lange her ist, dass alles noch fest war.
Und ich finde NICHT, dass uns das oberflächlich macht. Es macht uns menschlich.

Was mich am Älterwerden beschäftigt, sind nämlich nicht nur die Falten. Nicht die grauen Haare. Nicht einmal die Wechseljahre. Es ist die Erkenntnis, dass Zeit nicht unendlich ist. Dass bestimmte Kapitel hinter mir liegen. Dass manche Türen sich geschlossen haben, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen!
Und das trifft deutlich tiefer als jedes Fältchen.

Eine Falte verschwindet unter gutem Licht. Die Erkenntnis, dass Lebenszeit endlich ist, nicht. Sie sitzt plötzlich mit am Frühstückstisch, fährt mit in den Urlaub und taucht auf Fotos auf. Ziemlich deutlich obendrein.
Und dennoch passiert etwas, über das viel weniger gesprochen wird.
Mit den Jahren wird es schwieriger, sich selbst zu belügen.

Irgendwann reicht die Kraft nicht mehr aus, ständig Rollen zu spielen. Man wird ehrlicher. Nicht immer freundlicher. Nicht immer geduldiger. Aber man sagt, was man fühlt und denkt. Man erkennt Beziehungen, die mehr Energie kosten, als sie schenken. Man erkennt Wünsche, die jahrelang in irgendeiner Schublade gelegen haben. Man erkennt, dass Lebenszeit kostbarer ist als Harmonie um jeden Preis.

Das gefällt nicht jedem. Mir inzwischen schon! 🙂
Früher dachte ich, Freiheit bedeutet, alles machen zu können. Heute glaube ich, dass Freiheit etwas ganz anderes ist. Immer weniger tun zu müssen, um sich selbst wertvoll zu fühlen.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Bedeutung von ALT GENUG.

Alt genug, um nicht mehr jedem gefallen zu wollen. Alt genug, um manches loszulassen. Alt genug, um zuzugeben, dass mich das Älterwerden beschäftigt. Alt genug, um nicht so zu tun, als würde es mir nichts ausmachen. Alt genug, um die Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie nicht top klingt.

Die Suche ist für mich übrigens noch immer nicht vorbei. Die Suche nach Antworten, nach Lebendigkeit, nach Momenten, die berühren, nach diesem Gefühl, wirklich mitten im Leben zu stehen. Der Unterschied zu früher? Ich suche nicht mehr, um jemand anderes zu werden.
Ich suche, um immer mehr die Frau zu sein, die ich längst bin. Wie lange das noch dauern wird … ich habe keine Ahnung.

ALT GENUG?
Die Frage beschäftigt mich noch immer. Die Antwort inzwischen deutlich weniger.

Und jetzt bin ich sehr neugierig:

Wie geht es DIR wirklich mit dem Älterwerden? Ehrlich. Ohne die üblichen Durchhalteparolen. Ohne „Man ist nur so alt, wie man sich fühlt“. Ohne Schönreden.

Xo Sandra

Jetzt bist Du gefragt!

Hast Du Anregungen, Ergänzungen oder weitere Tipps für mich und andere Leserinnen? Dann freue ich mich auf Deinen Kommentar.

Ich möchte mit FrauenPunk viele Frauen erreichen und freue mich wenn Du diesen Artikel teilst und weiterempfiehlst. Ich bin Dir für jede Unterstützung dankbar!

Teile diesen Artikel mit Deinen Freundinnen …

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert