Erst in den letzten Jahren ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich auf bestimmte Situationen zurückblicke und mir denke: Warum eigentlich?
Warum habe ich damals Ja gesagt, obwohl ich Nein meinte?
Warum habe ich geschwiegen, obwohl ich etwas zu sagen hatte?
Warum habe ich Dinge mit mir herumgeschleppt die sich für mich nie richtig angefühlt haben?
Und dann kam mir plötzlich ein Bild in den Kopf.
Ich denke, ich habe mir über viele Jahre meine „Charakterwirbelsäule“ ausgerenkt.
Nicht mit Absicht von heute auf morgen. Sondern ganz in Zeitlupe. Millimeter für Millimeter. Immer dann, wenn ich mich verbogen habe, um für andere A N G E N E H M zu sein. Ich wollte keinen Streit. Keine schlechte Stimmung. Keine Enttäuschung auslösen. Ich wollte, dass sich Menschen wohlfühlen. Dass Harmonie herrscht. Dass alles friedlich bleibt.
Also sagte ich JA.
JA zu Dingen, für die mir die Kraft fehlte.
JA zu Erwartungen, die nie meine eigenen waren.
JA zu Menschen, die selbstverständlich davon ausgingen, dass ich schon irgendwie alles möglich machen würde.
Von außen betrachtet sah das vermutlich nach Hilfsbereitschaft aus. Nach Geduld. Nach Verständnis. Nach Stärke.
Innen fühlte es sich oft total anders an.
Denn jedes Mal, wenn wir gegen unsere innere Wahrheit handeln, hinterlassen wir eine kleine Spur in uns selbst. Anfangs bemerkt man das kaum. Man redet sich ein, dass es nicht so wichtig sei. Dass man sich nicht so anstellen soll. Dass es schon passt.
Irgendwann passt es aber nicht mehr.
Dann spürt man diese innere Müdigkeit. Diese Gereiztheit. Dieses diffuse Gefühl, dass etwas nicht (mehr) passt.
Es sind nicht immer die anderen Menschen, die uns erschöpfen.
Es ist das ständige Übergehen der eigenen Bedürfnisse.
Viele Frauen kennen das recht gut. Wir lernen früh, rücksichtsvoll zu sein. Verständnisvoll. Anpassungsfähig. Wir sollen freundlich sein, Konflikte vermeiden, für andere da sein und möglichst niemanden vor den Kopf stoßen.
Ich glaube, dass viele von uns mehr Angst davor haben, jemanden zu enttäuschen, als sich selbst zu enttäuschen!
Ich hab da drüber sehr lange nachgedacht.
Wie oft habe ich ein Ja ausgesprochen, während mein Bauch längst Nein geschrien hat?
Wie oft habe ich Verständnis gezeigt, obwohl ich selbst keines bekam?
Wie oft habe ich geschluckt, statt auszusprechen, was in mir vorging?
Und wie oft habe ich geglaubt, das sei Liebe, Rücksicht oder Reife?
Heute sehe ich das ganz anders.
Ein gerades NEIN macht uns nicht egoistisch.
Eine Grenze macht uns nicht schwierig.
Eine eigene Meinung macht uns nicht unbequem.
Und ein Konflikt bedeutet nicht automatisch, dass eine Beziehung scheitert.
Ganz im Gegenteil!
Die Menschen, die uns wirklich mögen, werden nicht verschwinden, nur weil wir plötzlich Rückgrat zeigen.
Vielleicht wundern sie sich.
Bestimmt müssen sie sich erst daran gewöhnen.
Und ganz bestimmt gefällt es nicht jedem.
Aber auch das ist in Ordnung.
Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen, wem wir eigentlich treu sein wollen.
Allen andert.en? Oder doch uns selbst.
Meine Charakterwirbelsäule ist übrigens noch immer nicht ganz gerade! Nach Jahrzehnten des Verbiegens braucht so etwas eben seine Zeit! 🙂
Doch inzwischen merke ich deutlich schneller, wenn ich wieder dabei bin, mich kleiner zu machen, als ich bin. Wenn ich Ja sage, obwohl alles in mir Nein ruft. Und dann versuche ich, mich an etwas Wichtiges zu erinnern:
Frieden um jeden Preis ist oft erstaunlich teuer!
Vor allem dann, wenn wir ihn mit uns selbst bezahlen.
Ein Thema, das mich nie ganz los lässt. 🙂



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