Gefangen zwischen Schwarz und Weiss

Eines muss ich gleich mal vorweg sagen: Vielleicht denkt sich Die ein oder andere von euch warum ich mir anmaße über Psychologie zu schreiben? Eine Thematik für „Studierte“! Ich bin keine Ärztin und keine Psychologin und ich möchte auch hier keinesfalls wichtige Sprüche klopfen. Ich möchte nur manches erklären, meine Erfahrungen und Ratschläge zu diesem Thema weitergeben. Ich bin selbst betroffen und habe über die Jahre eine Menge darüber gelernt, mir angeeignet und klarerweise auch durchlebt. In dieser Zeit habe ich viele betroffene Menschen kennengelernt und konnte auch tolle Freundschaften schließen. Zu den „Studierten“ zähle ich mich nicht. NEIN, aber der Zuspruch vieler von euch hat meine Bedenken, darüber zu schreiben oder es besser sein lassen, sehr schnell ausradiert …

So begann mein Artikel Schwarz-Weiß Denken, den ich im Jahr 2017 veröffentlicht habe. Ein Beitrag der noch immer sehr gut be- und gesucht  wird. Das ist auch der Grund weshalb ich das Thema nochmals aufgegriffen habe … Es war einer der ersten Beiträge, die ich verfasst hatte und unbedingt teilen wollte, beinahe musste.  Ich kam frisch aus einer sehr langen Reha nach Hause, aus der ich motiviert und positiv gestärkt, wieder ins „normale“ Leben rutschen wollte und auch bin. Jetzt, einige Jahre später, bin ich zwar noch immer ein Borderliner, ausgestattet mit genügend Ängsten, oftmals mangelnden Selbstwert und manchmal null Toleranz zu mir selbst … aber ich habe mein Denken verändert, die Sicht auf diese Krankheit und mein Verhältniss zu der Farbe Schwarz – Weiß. :D

In diesem Artikel, möchte ich immer wieder Auszüge aus dem schon vorhanden Beitrag einfügen, aber dabei etwas mehr in  Tiefe gehen.

Borderline – ein Leben ohne Halt

Ich weiss, dass viele Menschen mit dem Wort Borderline nicht wirklich etwas anfangen können.  Warum auch? Es ist nichts worüber man unbedingt mit Leidenschaft reden möchte, ist man ein(e) oder auch kein Betroffener. Eine Borderline Diagnose zu bekommen ist einem „standardisierten“ Diagnoseschlüssel unterlegen. Das heißt es werden ausführliche, strukturierte Gespräche und psychologische Tests gemacht um andere psychische Erkrankungen auszuschließen. Die meisten Borderliner leiden zusätzlich an Depressionen, Suchterkrankungen oder einer Essstörung.

Wegen des selbstgefährdenden Verhaltens, gilt diese Persönlichkeitserkrankung als schwerwiegende und ernstzunehmende Erkrankung. Diese Erkrankung kann man alleine nicht loswerden, oder heilen. Betroffene gehören in die Hände eines Facharztes für Psychiatrie und eines Psychotherapeuten.

Für Betroffene, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, fühlt sich das Leben wie eine nicht aufzuhaltende Achterbahnfahrt an. Extreme Stimmungsschwankungen, impulsives Verhalten und Selbstverletzung sind Alltagsgeschehen. Das „Denken“ eines Borderliners, ist schwer nachvollziehbar …

Auszug:
Schwarz -Weiß, das Denken eines Borderliners. Das liest sich ganz normal und klingt nicht weiter schlimm. Ist es aber. Das BLS Syndrom drückt sich in einer Reihe von klassischen Symptomen aus. Jede Menge Ängste, keinerlei Selbstliebe, Depressionen, Selbstverletzung und ein extremes Denken in jede Richtung. Schwarz oder Weiß. Gut oder böse. Schön oder häßlich. Heiß oder kalt. Richtig oder falsch. Grauzonen oder ein Mittelmaß existieren nicht. Eine „falsche“ Handlung oder ein gesagtes, falsch verstandenes Wort genügen, damit ein Mensch komplette Abwertung erfährt! 

Gefühle sind außer Kontrolle

Was sich innerlich so aufstaut, ist eine massive innere Anspannung. Sie entsteht, weil man als Betroffener nicht in der Lage ist, die alltäglichen Erlebnisse direkt und emotional richtig einzuordnen und dadurch es auch nicht möglich ist, sie zu verarbeiten. Wenn mich damals jemand fragte, wer ich bin, wer ich gerne sein möchte, wusste ich keine Antwort und kein Gefühl dazu … ich besaß keinen Selbstwert und ich fühlte nur eines: stille Leere in mir!

Wenn dieser emotionale Stress zu hoch wurde, ging  ich auf die Suche nach einer Notlösung, einem Ventil um die Spannung abzubauen. Die Handlungen waren immer impulsiv und unüberlegt! Nicht selten selbstgefährdend. Manche geben dabei exzessiv Geld aus, konsumieren Alkohol oder Drogen oder beides … wechseln ständig ihre Sexualpartner oder verletzen sich selbst. Bei mir war alles ausser Drogen dabei.

Auszug:
Du lebst ständig in Angst. Du fühlst Dich minderwertig und schuldig für alles! Du suchst Dir Ventile um all das auszugleichen. Alkohol, Drogen, Selbstverletzung oder ein extremes sexuelles verhalten und vieles anderes mehr. Selbstwert gibt es trotzdem keinen und ohne richtige Hilfe kommst Du da nicht mehr raus!

Zwischenmenschliche Beziehungen fallen schwer

Borderline-Patienten fällt es sehr schwer stabile Beziehungen einzugehen. Das Problem ist, sie suchen die fehlende eigene Wertschätzung im intensiven Kontakt zum Anderen. Gleichzeitig aber haben sie große Angst, alleine zu sein oder verlassen zu werden. Diese hohen Ansprüche kann kein Partner erfüllen und auch selten aushalten. Irgendwann fühlen sich die meisten Borderliner zutiefst enttäuscht, finden plötzlich den „Idealpartner“ nicht mehr ideal, werten ihn ab und trennen sich von ihm, was sie aber auch relativ schnell wieder bereuen. Ein auf und ab. Ein „ich will Dich“ und „ich brauche Dich nicht“ beginnt. Das ist die Instabilität eines Borderliner.

So komplex wie ihre Symptome, sind auch ihre Ursachen. Eine Borderline-Störung zeigt sich in der Regel erstmals im frühen Erwachsenenalter. Die Betroffenen zeigen fast immer Spuren traumatischer Erlebnisse.

  • Fehlende emotionale Zuwendung,
  • Mangel an Anerkennung,
  • Mißhandlungen,
  • sexueller Missbrauch

sind die häufig genannten Gründe. Als meine Diagnose gestellt wurde, sagte man mir, dass „Fehlfunktionen in bestimmten Hirnregionen, die für die Gefühlskontrolle, Angst und Aggression zuständig sind, für meine Instabilität schuld sind. Doch nicht jeder Erkrankte legt die selben Symptome und Verhaltensmuster an den Tag. Sie können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, deshalb ist eine Diagnose nicht einfach.

Auszug:
Das Schwarz-Weiß Denken ist gar nicht so unüblich wie man glauben möchte. Ich bilde mir schon im Unterbewusstsein meine Meinung: „Finde ich gut, oder finde ich nicht gut.“ Schwarz oder Weiß. Ein solches Urteil wird meist dann gefällt, wenn ein labiler Zustand, eine unerträgliche starke Belastung zur Krise führt und man darin gefangen ist.

Schwarz bedeutet bei diesem Vergleich der Gegensatz zu allem Positiven. Schwarz entspricht dem NEIN. Schwarz bedeutet auch soviel wie „vernichten“. Schwarz bedeutet auch keine andere Meinung und Lebensweise zu akzeptieren.
Weiß bedeutet die absolute Freiheit, Freiheit von allem was einem im Wege steht. Weiß ist der Ausdruck der Auflösung und der Befreiung und bedeutet Neuanfang …

Gefangen zwischen Schwarz und Weiss

Frustration, die nicht zum Aushalten ist

Schwarz oder Weiß … wenn man ständig seinen Gemütszustand verändert und das ohne erkennbare oder vernünftige Ursachen, wird von einer emotionalen Instabilität gesprochen. Eine Charaktereigenschaft, die alles andere als wünschenswert ist. Die dabei entstehende Frustration war für mich die Hölle. Bevor ich noch meine Diagnose kannte, war mir bewusst, dass meine Verhaltensweisen (das ich zuvor nicht in diesem Ausmaß kannte) nicht „normal“ waren. Das heißt, wenn etwas nicht so lief, wie ich es gerne gehabt hätte, reagierte ich mit einer Serie von extremen Gefühlen und Verhalten. Mein Wut und Aggression richtete sich vorerst gegen Andere und dann gegen mich selbst.

Ich dachte nicht an mögliche Konsequenzen, die mein Handeln betraf. Ich war ausschließlich impulsiv und explosiv und das hatte zur Folge, dass ich mir immer mehr und mehr Probleme schaffte mit denen ich nicht mehr umgehen konnte. Menschen, die es gut meinten, wendeten sich von mir ab … negative Personen traten in mein Leben und so ergab eines das andere. Ich hatte Probleme im Beruf, in der Familie und im sozialen Leben!

Beziehungen scheiterten, weil der Partner den ständigen Wechsel zwischen Wutausbrüchen und erdrückender Liebe nicht aushalten konnte. Auf der einen Seite verlangte ich nach extremer Nähe … und im Handumdrehen wurde ich aggressiv, weil mich diese Nähe erdrückte. Es war ein Teufelskreis, der sich immer weiter „verselbstständigte“.

Es gab so viele unzählige Situationen in denen ich überspannt „angespannt“ war, dass ich wütend Dinge aus mir herausschrie: „Ich will alleine sein … ich will nicht reden!“ Wenn mein Partner diesen Wunsch geduldig akzeptierte und mich tatsächlich alleine ließ, saß ich völlig verzweifelt in einer Ecke und warf ihm in gleichen Moment vor, wie er mich in diesem Zustand alleine lassen konnte! Das war die Ambivalenz in mir. Eigentlich auch mit nur einem Satz erklärbar: „Hau ab, aber bitte geh nicht …“ Die Angst verlassen zu werden, das allein sein, war so groß, dass ich sie kaum aushalten konnte …

Mein Leben wurde von einem Verhalten getrieben das ich nicht wollte. Es war ein Leben immer auf des Messers Schneide. Meine Ventile, die ich brauchte um mich wieder richtig zu „spüren“ wurden immer extremer. Ich begann mich für mein aus der Kontrolle geratenes Tun zu betrafen. Selbstverletzungen folgten.

Als ich irgendwann wieder einen klaren Moment fassen konnte, war mir klar es kann so nicht weitergehen. Ich weiß heute noch nicht wie ich den Mut zusammen bekam, mit meinem Arzt darüber zu reden, aber ich tat es und ich wollte mir helfen lassen. In der Klinik wurde der Verdacht bestätigt. Diagnose – Borderline Persönlichkeitsstörung.

Auszug:
„Ich habe es damals verpatzt … mir wurde es immer wieder gesagt, es geht um alles oder nichts im Leben. Ein  Satz, den ich mir dann selbst suggerierte. Ich habe diese Worte mitgeschleppt und bin sie nicht mehr losgeworden. Ich habe eine Chance um die andere verpatzt. Ich war eine Versagerin auf ganzer Linie. Unperfekter ging gar nicht! Bei allen neuen Projekten, ob beruflich oder privat, stand ein riesiges Panikorchester vor mir das mir in den grellsten Tönen die bevorstehende Katastrophe vorspielte. Begleitet von riesen Ängsten, die ich jedes Mal hatte, wenn etwas „Wichtiges“ bevorstand. JA genau da war doch was … es gibt ja nur eine Chance …

Ein Kontrollverlust der Gefühle

Es ist so, dass bei nichtigen Auslösern eine viel stärkere Emotion hochkommt, die nur langsam wieder verschwindet, aber sehr schnell wieder in eine andere Emotion umschlägt. Also stark ausgeprägte, negative Emotionen, aber auch überschwänglich positive, die stärker ausgeprägt sind als bei gesunden Menschen. Es ist ein Leben ohne „bremsen“ … so war mein Gefühl dazu.

Mein Leben war eine einzige Katastrophe und schien mir aus den Händen zu gleiten. Bis mir nach einer „Erstversorgung“ und noch genaueren Untersuchungen in der Notfallklinik, ein Therapieplatz in einer Spezialklinik zur Verfügung gestellt wurde. Eine lange und harte Zeit wartete auf mich.

Therapien sind auf die Störung zugeschnitten

Das muss so sein, da es so viele Formen von Borderline gibt. Es gibt so viele spezifische Zentren mit leider nur einem Problem: Die lange Wartezeit! Ich hatte damals Glück? JA, es war Glück,es hat mir mein Leben gerettet. Ich konnte übergangslos von der einen in die andere Einrichtung übergehen. Wichtig ist es, wenn man sich dazu entschließt sich einer Therapie zu unterziehen, das Wort Zeit zu streichen.  Zeit wird aufeinmal unwichtig … will man wieder ein normales Leben führen …

Meine Therapieform war eine Mentalisierungsbasierte Therapie. Es wird die Fähigkeit erarbeitet, zu erkennen, wie Wünsche, Vorstellungen und Gedanken zu Verhalten führen. Mit einfach nur „hinsetzen“ und zuhören, ist es aber nicht getan und wird auch nichts erreicht!  Ein passives Verhalten in diesen Zentren wird auch ebenso wenig geduldet, dafür sind die Plätze zu kostbar! Es ist eine sehr aktive Intervention und die ersten Wochen waren alles andere als einfach für mich, meine Störung wurde sogar kurzfristig schlimmer. Durch die fachärztliche Betreuung und Unterstützung war diese Verschlechterung bald wieder vorbei.

Ich durfte Fertigkeiten lernen, um in schwierigen und panischen Situationen ruhig zu bleiben. Als Skills-Training bekannt. Ich brauchte starke Sinnesreize um mich selbst wieder zu spüren. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Mein Favorit waren Gummiringe die ich auf meine Haut klatschen ließ. Der Sinn: es tat weh, damit war ich erstmal beschäftigt mit diesem Reiz und ich konnte mich nicht mehr um andere Gefühle kümmern.

Achtsamkeit und Selbstliebe waren die meisten Einheiten, die am Stundenplan standen. Das war der Punkt an dem ich beinahe scheiterte. Es wurde in meinen tiefsten und dunkelsten Ecken gegraben. Es fühlte sich alles bedrohlich an für mich. Es waren die Gefühle, die angetriggert wurden. Es ging bis in de Kindheit zurück. In vergangene Beziehungen und traumatische Erlebnisse. Sterben konnte sich nicht schlimmer anfühlen …

Fazit

Ich begab mich vor genau 10 Jahren auf diese Reise … auf eine Reise zu mir selbst. Ich nahm mir über ein Jahr Auszeit um nur für mich da zu sein, weil ich wusste, dass DAS kein Leben ist was ich führen will. Mit sehr viel Hilfe lernte ich  meine Instabilität abzugeben. Mein Selbstverletzungen und mein exzessives Leben hinter mir zu lassen. Ich lernte nach und nach  positiver zu werden, das Leben und die Veränderungen mit beiden Armen zu umschlingen und gut für mich zu sorgen … weil ich nach Jahren endlich begriff – ICH bin es wert!

Heute, nach 10 Jahren würde ich von mir behaupten, ich bin eine „trockene“ Borderlinerin.  Eine Therapie nutze ich immer noch. Und eine weitere Traumatherapie steht mir noch bevor. Inzwischen kann ich aber Menschen mit psychischen Problemen auf Augenhöhe begegnen und auch helfen … nämlich mit dem besonderen Blick einer ehemaligen Betroffenen!

Noch etwas: Es ist so wichtig, das schwierige Verhalten eines Erkrankten nicht persönlich zu nehmen, denn die Ursache dafür ist die Erkrankung … nicht der Mensch!

Ein kleiner Teil von mir wird immer wieder mal ängstlich und traurig sein. Das ist vollkommen ok. Und es geht auch gar nicht anders. Ein kleiner Teil wird bleiben. Ich habe es geschafft mit dieser Störung zu leben und auch manchmal zu sagen: „Hey heute geht’s grad nicht so gut …“ Aber wer hat das nicht?  Schwierigkeiten hat jeder mal.

Auszug:
Wenn Du Dich für diesen Weg entschieden hast, wirst Du es am Anfang sehr schwer haben, aber die Aussicht auf den gewünschten Erfolg, darauf dass es Dir wieder besser gehen wird, ist Dir sicher!

Das sehe ich nach so vielen Jahren noch genauso!

Wenn Dir mein Beitrag helfen konnte, freue ich mich natürlich riesig. Wenn Du etwas dazu zu sagen hast, ebenso. Und ja, wenn Du jemanden kennst für den der Beitrag passen könnte … teile ihn gerne. :D

Eine gesunde und wunderschöne Zeit für Dich, bis bald und alles Liebe.

XOXO Sandra FrauenPunk

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