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Die letzten Tage bei uns auf der Station sind nach unserem „Bauchtanzabend“ mehr oder weniger gut gelaufen. Keine besonderen Vorkommnisse. Alles hatte seinen Lauf und unsere Stimmung war sehr zuversichtlich und positiv. Wir saßen abends bis zur letzten Minute, die wir aufbleiben durften, auf der Terrasse und strickten um die Wette, erzählten uns gegenseitig von unseren Vorhaben wenn wir uns erst wieder im „normalen“ Leben befinden würden. Wenn niemand an unserer Seite ist den wir fragen können, wenn wir unsicher sind, wenn keiner ein offenes Ohr für uns hat, würden wir in unser altes Verhalten schlittern. Wenn wir als erwachsene Frauen auf uns alleine gestellt sind. Ohne Pufferzone …

Ein weiteres Wochenende kam auf uns zu

Das ich nicht nach Hause wollte (obwohl ich musste) war klar. Dieses Wochenende war es aber eben so. Ich sollte das Wochenende NICHT auf der Station verbringen. Es war wichtig für die Zeit „danach“, um nicht ganz weltfremd das Krankenhaus zu verlassen. Einfach ein paar Stunden für sich selbst die Verantwortung übernehmen. Jedoch gab es immer die Option – falls man es nicht mehr zu Hause aushalten würde, oder wenn man in sein „altes Muster“ (das für die meisten Frauen hier wahrlich DAS Hauptproblem ist), wieder hinein kippen sollte, durfte, konnte, sollte man unverzüglich wieder auf die Station zurückkehren. Das soviel bedeutete: keinen Alkohol, keine Drogen, keine wilden Partys, da dort genau solche Dinge auf einen warteten. Klipp und klar KEIN dysfunktionales Verhalten was gegen uns selbst gerichtet ist! Diese Abmachung wurde sogar von jeden von uns Frauen unterschrieben, wer jetzt genau was und wie in seinem „Vertrag“ stehen hatte war klarerweise unterschiedlich. Jeder hatte ja so seinen eigenen Rucksack mit.

Mein Wochenende war also fix

Ich war eingeladen zu einer kleinen Feier, und mir wurde angeboten auch bei meiner Bekannten schlafen zu können. Dieses Angebot nahm ich an. Besser als zu Hause wo mir die Decke wieder auf den Kopf fällt. Auch wenn ich nicht genau wusste welche Leute erscheinen würden. „Alle total nett und behutsam, es wird dir gefallen und einige kennst du ja ohnehin … es tut dir auch wieder mal gut unter fröhlichen Menschen zu sein …“ (Wenn sie gewusst hätte, daß wir wahrscheinlich ebenso fröhlich sind, hätte sie diese Meldung stecken lassen). Egal – sie meinte es ja nur gut.

Besprochen wurde unser Wochenend-Ausgang immer mit der eigenen Bezugsschwester. Ein Plan A, B und zur Sicherheit auch der Plan C, wurde aufgestellt und alle möglichen Situationen die hätten kommen können, wurden durchgespielt. „Und SIE wissen ja Sandra, sie können jederzeit auch früher als vorgesehen, wieder kommen.“ Ja ich hatte verstanden, wird aber nicht vorkommen …

Es war eine kleine Einweihungsfeier der Luxus-Klasse!

Ich wurde abgeholt und ich merkte schon dass meine Bekannte nicht wirklich wusste was sie mich fragen sollte. Ich nahm es ihr ab indem ich lachend sagte „Keine Sorge, ich bin NICHT tot krank, es geht mir gut und ich würde sagen, wir machen uns einen schönen lockeren Abend 🙂 !“ Als sie merkte das ich einen ganzen Satz – normal formulieren und verständlich aussprechen konnte … war ihr leichter, das sah ich ihr ganz deutlich an gg.

Insgesamt waren 4 Pärchen wovon ich 2 von ihnen kannte, der Rest bestand aus Männern, ca. 6 die alleine gekommen waren. Der Abend war perfekt für ihre Einweihungsparty, die Temperatur am Abend war wieder mal wie im Süden … dieser Sommer war einfach genial (mochte man diese unentwegte Hitze ). Die neue Wohnung war ein Traum. Mitten in der Stadt über den Dächern mit einer riesigen Terrasse, begrünt und bepflanzt als würde man in einem grossen Garten sitzen. Riesige Loungemöbel und eine stylische Feuerstelle für die Gemütlichkeit. Coole Musik und ein geniales Catering warteten auf uns. Stil hatte sie immer schon gehabt.

Wir machten uns alle miteinander bekannt, die meisten kannte ich ja nicht, und ich wurde etwas unsicher. Es dauerte auch nicht lange bis der erste fragte „Und warst du gerade im Urlaub? Verboten braun und du wirkst, als bist du noch im Urlaubsfeeling …“ Hmm, ok … und jetzt ? Was sag ich? Ich mach es wie früher, dachte ich mir. Also lächelte ich, bedankte mich fürs Kompliment und einem „beinahe richtig“. Mein Weg war schnurstracks zur Catering-Bar. Ich fühlte mich nicht sonderlich wohl. Wären die Mädels da, oder irgend jemand der mir ein klein wenig bei dem Fragen & Antwortenspiel helfen würde, ginge es mir besser.

Nach ca. 3 – 4 Stunden und zu vielen Drinks, die mir dabei halfen etwas lockerer zu werden und zu sein, war es bei mir aus. Diese oberflächliche Unehrlichkeit kotzte mich an. Oder vielleicht war ich empfindlich? Eines stand jedenfalls fest, hätte ich gesagt, das ich meine „verbotene Bräune“ vom KH-Garten habe und alles andere als „Urlaubsfeeling“ in mir trug, eigentlich nur für 42 Stunden Ausgang habe … Sie hätten mich alle ignoriert und mit Handschuhen angefasst! Ich hatte zu Rauchen aufgehört – was tat ich? ICH paffte eine nach der anderen. Ich sollte keinen Alk trinken – was tat ich? ICH trank Schampus der mir nicht mal schmeckte nur um anderen zu gefallen und in diese Truppe zu passen. Ich hörte mir die blöden Anmachsprüche der Männer an und ertappte mich dabei mich ebenso oberflächlich zu geben wie die es taten … Gute Miene zum Scheiss Spiel!

Ich wollte, ich musste nach Hause

Verabschiedet hab ich mich gegen 3.00 Uhr Morgens NUR bei meiner Bekannten, mit der Begründung mir ginge es nicht besonders (was ja auch nicht gelogen war), und mir sei es doch lieber „zu Hause“ zu schlafen… wir sprechen darüber wenn sie mich die Tage besuchen kommt. Und weg war ich. Im Taxi zur Klinik war ich enttäuscht von mir, von den Menschen. Am meisten aber von mir. Das Schlimmste wartete aber noch auf mich. ICH musste um halb 4 Uhr morgens einer der Schwestern oder Pfleger läuten. Einige Fragen beantworten müssen und mit Sicherheit einen Test auf Drogen und Alkohol mit machen.

Am Morgen lernte ich neues kennen

Ich schlief schlecht und mir war auch genauso schlecht! Das Rauchen und der Alkohol in Kombination mit den Leuten die mir nicht lagen, reichte mir einfach. 4 Stunden später sah die Sache schon anders aus. Ich „durfte“ in Begleitung mit einer Schwester auf die Toilette. Da ich so etwas noch NIE machen musste, war ich überrascht und schockiert als sie sagte „ich muss leider dabei bleiben … es werden Stichproben gemacht und das ist nur zur Kontrolle“. Ich fühlte mich schrecklich.

Jetzt wurde mir wieder bewusst wo ich war

Selbst jetzt wenn ich darüber schreibe, überkommt mich das unwohl sein. Es ist eben kein Strandspaziergang sondern Arbeit am Menschen. Und da ich hier wirklich eine andere Art von Problemen zu bewältigen habe, als Drogen und Alkohol, werde ICH nicht ausgenommen diese Tests zu machen, noch dazu wenn ich angebe erst am nächsten Tag um 18.00 wieder in die Klinik zu kommen und aber in der selben Nacht mit einer wahrscheinlichen „Fahne“ schon wieder auf dem Teppich stehe … Mich schmiss dieses Erlebnis völlig aus der Bahn. Andere lachen darüber …

Ich wartete auf meine Bekannte

Am späteren Nachmittag wollte meine „Gastgeberin“ mich besuchen kommen. Ich wartete im Café auf sie. Die Zeit war auf 16.00 angesetzt. Ich trank meinen Cappuccino und las mein Buch nebenbei. Es war bereits kurz vor 17.00 Uhr geworden und es war nix von ihr zu sehen. „Sicher sehr lange geworden gestern bei ihr …“ war mein Gedanke. Auch als ich sie anrief tat sich nichts. So maschierte ich über Umwege auf die Station zurück. Als ich zur späteren Stunde noch einige Male versuchte sie zu erreichen, sie aber NICHT ans Telefon ging, machte ich mir sorgen.

Am nächsten Morgen hatte ich eine sehr lange WhatsApp Nachricht am Handy von ihr, die ungefähr so lautete: „Es tut mir sehr leid, aber ich kann dich nicht besuchen kommen. Es wäre nicht von Vorteil für mich, was wenn ich jemanden treffe der mich kennt! Die Erklärung wäre mir und DIR sicher auch sehr unangenehm! Meine Freunde gestern, wollten nach deinem raschen Verschwinden auch wissen wie – wo – und was … aber keine Sorge, ich hab ihnen nichts genaues erzählt! Wir können aber gerne wieder in Kontakt treten wenn es dir wieder gut geht …“.

Wenn ich mich genau erinnere, hab ich diese Nachricht mindestens 10 mal gelesen, was bitte sollte das? Frau „VIP“ schämte sich für mich! Unglaublich … ICH bin also nur „passend“ für sie wenn ich Champagner und Austern schlürfend neben ihr ein hübsches Gesicht bringe … !? Menschen, die sich in einer vorübergehenden „Krise“ befinden und versuchen alles wieder in Gang zu bringen – nein also … das ging anscheinend gar nicht!

Alltagsgschichten aus B102 #7

An diesem Morgen begann bei mir das Ausmustern meiner Freundes-Liste. Es musste wahrscheinlich so sein um zu erkennen, wer wirklich zu deinen Freunden oder guten Bekannten zählt und wer es nicht verdient hat, an meiner Seite zu verweilen. Es waren schmerzhafte Tage, aber sehr notwendige!

Meine Antwort auf diese Nachricht war kurz: „Meine liebe, ich wünsche DIR ein immer ausgeglichenes Leben, ohne holpriger unebener Strasse! Falls du trotzdem mal ne Panne haben solltest – sollen deine „Freunde“ immer hinter DIR stehen … blöd wär es, wenn sie zu diesem Zeitpunkt mit „Schampus & schlitzigen Muscheln“ beschäftigt sind. Ciao und Thx.“

So schnell kann es gehen, und nach den vielen „guten Tagen“, die ich hier erleben durfte, kommen auch wieder welche die dir einen Bauchstich versetzen…

Beim nächsten Mal erzähle ich DIR, was dabei herauskommt, wenn Kopf und Hände wie von selbst arbeiten, von der Stunde im Gras … und ein wenig Meditation. 😀 Also ich freu mich IMMER auf Dich und vergiss nicht: DEINE Meinung dazu ist mir immer sehr wichtig!

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Alltagsgeschichten B102 #10

Eine neue Woche begann, die neuen Pläne für diese Woche hingen schon an der Pin-Wand. Die Montage waren für die Frauen, die zu Hause waren, entweder unerträglich wegen der Trennung von ihren Kindern oder wie eine neue Urlaubswoche ohne Familie! Was 2 Tage zu Hause so bewirken konnten. Andere konnten nicht konsequent sein, ihr altes Verhalten war stärker als das „neue ich will“, was für die ein oder andere Person ein Nachspiel hatte.

Beim Frühstück

Wieder war es sehr warm an diesem Morgen, wie immer trafen wir uns in der gewohnten Reihenfolge zum Frühstück. Gabriela war sehr glücklich wieder hier zu sein: „Endlich wieder Ruhe“, hauchte sie nach dem ersten Schluck Kaffee. Unterm Strich waren wir alle wieder froh zusammen zu sein! Nach der ersten Hälfte Nutella-Semmel fragte Gabriela mit einem Strahlen im Gesicht neugierig „Und … freut ihr euch schon? Ich habe alles mitgebracht!“ Dabei kaute sie die zweite Hälfte ihrer Semmel lautstark gg. Wir alle mussten lachen und ein einheitliches „JA sicher“ traf sich mitten am Tisch 🙂 ! Wir suchten den Mittwoch aus, für unsere arabische Nacht, sicherten uns den Besprechungsraum und verbrachten die Tage bis dahin mit viel Lern- und Lesestoff, Einzelgespräche und Kunst, worauf ich mich persönlich immer total freute!

Mein Vertrauen wurde auf die Probe gestellt

Mein Montag war gut eingeteilt. Ich mochte es in der Zwischenzeit wenn ich viele Einzelstunden hatte. Das gab mir immer das Gefühl ernst genommen zu werden. Ich genoss die Aufmerksamkeit, die mir entgegen gebracht wurde, sehr. Das Gefühl nicht belächelt zu werden sondern das Gegenteil … der Sache auf dem Grund zu gehen, das war was ich wollte und hier wurde es mir angeboten.

Vor dem Mittagessen hatte ich für diesen Vormittag meine letzte Einzel-Therapiestunde. Diese Stunden nannten sich Körperwahrnehmung, das war sehr vielseitig und es wurde jedesmal ein anderer „Schwachpunkt“ in Angriff genommen. Ging es beim letzten Mal um meine Wahrnehmung verschiedener Situationen, war diesmal mein Vertrauen an der Reihe. Ich musste in den anderen Block des Hauses und ging rechtzeitig los. Beim hinüber spazieren machte ich mir so meine Gedanken über dieses Wort „Vertrauen“… da gab es eigentlich nichts darüber zu denken, mein Vertrauen hatte ich zu dem Zeitpunkt verloren gehabt.

Ich musste noch 5 Minuten warten da noch jemand vor mir war. Ich setzte mich und meine Beine begannen schon wieder zu „schlottern“. Das taten sie seit Neuestem immer wenn ich mich unsicher und unwohl fühlte. Meine Vorgängerin kam verweint mit gesenkten Blick heraus, ein freundliches „Ich bin sofort soweit „und ein warmes Lächeln war mir zugeteilt.

Drinnen angekommen setzte ich mich wieder auf meinen Platz, ich mochte den hohen hellen Raum sehr! Die vielen Fenster mit den Blick nach draussen, wo riesige und dichte Bäume ihren Platz gefunden hatten, die man nur von dem hinteren Trakt aus sehen konnte. „Sandra, heute werden wir versuchen, ihr Vertrauen zu prüfen, bereit dafür?“ Ein „kommt drauf an“ kam blitzschnell von mir zurück. „Ich werde ihnen die Augen verbinden und an ein Seil nehmen und langsam durch den Raum führen. In einem Tempo das ich bestimme.“ sagte sie. Dazu muss ich sagen, dass dieser riesige Raum einige Sportgeräte und Boxsäcke sowie einige Entspannungsliegen in Miete hatte. Kabel und Bänder lagen am Boden und hingen von der Decke. Also ein kleiner Hindernisslauf wo ICH wie ein Hund hinterher sollte! Ich überlegte sehr lange da ich mit dem „Augen verbinden“ keine Freude hatte. „Anschliessend vertraue ich mich IHNEN an“ sagte sie mit ihrer Stimme, die mich jedesmal beinahe in Trance  versetzte.

Ich glaube nach nicht mal 1 Minute war das Spiel vorbei. Das Gefühl mich einem anderen Menschen anzuvertrauen hatte mich unter anderem schliesslich hierher gebracht. Es ging nicht. Nach dieser Minute war ich verärgert und mir war schlecht. Meine Therapeutin drückte mir ein Tuch und das Seil in die Hand. „Es kann funktionieren wenn man vertraut und ich vertraue ihnen“ sagte sie. Ich verband ihre Augen viel zu fest, legte sie an das Seil und schleifte sie in einem Tempo durch den Raum, so sagte sie gleich zu Beginn: „SIE haben die Verantwortung für mich! Ich sollte heil aus dem Rundgang aussteigen!“ Ich schleppte sie zu jeder Hürde und sagte kurz davor STOP! Beim Boxsack hatte ich plötzlich keine Stimme für „STOP“, sie erschreckte sich. Riss ihre Augenbinde herrunter und sah mich anders an als sonst. „Sie haben die Situation ausgenutzt“ sagte sie, so wie andere IHRE Situation ausnutzten … „Denken sie darüber nach und schreiben sie bitte auf was dabei in ihnen vorgeht“. Mahlzeit und bis Morgen.

Als ich mich im Lift im Spiegel betrachtete, schämte ich mich so sehr, dass ich mich am liebsten verkrochen hätte. 🙁 ! Eines wurde mir jedoch wieder klar: Ich musste viel an mir arbeiten … Mein Mittagessen blieb stehen. Kein Hunger.

Gabriela teilte ihre Tücher aus

Nach vielen Gedanken, die ich niedergeschrieben hatte, war es endlich später Nachmittag. Beim Stricken tauschten wir unsere Neuigkeiten des Tages aus. Wer wollte. Da nichts wirkliches anlag und ich meine Geschichte nicht erzählen wollte, das Stricken auch nicht so lief, veranstaltete Gabriela „grosse Anprobe“ 😀 . Das sie so gut ausgestattet war hatte ich  mir nicht gedacht! Ein lautes Geklimper als sie die Tasche lehrte, bunte Hüfttücher und Gürtel kamen zum Vorschein. Dazu die passende Musik. Natürlich wurde auch gleich eine Kostprobe ihres Könnens gezeigt. Und Hut ab – unsere Königin machte das wirklich gut!

Am Mittwoch Abend weihten wir die Stationsschwester ein und holten uns ihre Erlaubnis für unser vorhaben. Es waren auch noch andere Ladys dabei, jeder hatte seinen Klimper-Gürtel und stellte sich in Position. ICH musste wirklich über meinen Schatten springen, etwas zu tun was ich noch nie getan hatte und auch nicht konnte. ICH war schliesslich eine Perfektionistin und wenn ich etwas tat, egal was, musste das perfekt sein! Das war der Punkt. Das es aber dabei nicht um „wer macht es am besten“ ging, hatte ich natürlich verdrängt. Ich beneidete die Frauen, die so ohne Komplexe und so zwanglos an eine Sache heran gehen konnten. Ich konnte das nicht und so setzte ich wieder meine „Maske“ auf und tat mit. Ich bemerkte das ich NUR nach rechts diesen Schwung drauf hatte 🙂 . Ich kam mir vor als sei ich in einem Beduinenzelt … und die Ladys hatten es wirklich drauf – das war das unter sich sein, die Unbekümmertheit! Es war schön zu sehen, dass Frauen für eine Stunde am Tag sich im Tanz verlieren können! Dank unserer Gabriela, die so viel Lob und Wertschätzung erhielt, dass sie weinte und sich freute wie ein kleines schüchternes Mädchen…

Die Zeit verging viel zu schnell

Gute NachtWir wünschten uns alle eine gute Nacht als würden wir uns eine Woche nicht sehen, bedankten uns bei der Stationsschwester noch mal und teilten uns in unsere Zimmer auf. Für mich war dieser Abend etwas ganz Besonderes. Es tat mir gut Frauen zu sehen denen es bedeutend schlechter ging als mir und trotzdem mehr Ausstrahlung besaßen als ich. Mit dem Geklimper der Tücher in meinen Ohren schlief ich ein. Ohne Alptraum und ohne Panik …

Beim nächsten Mal werd ich dir erzählen wie es so ist wenn der Geist willig aber der Körper schwach ist … von der Hektik auf der Station und von dem Besuch, den ich erwartete, der sich aber schämte mich zu besuchen.

Also bis in 2 Wochen wenn DU magst – ICH freu mich auf DICH!

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Alltagsgeschichten B102 #1
Alltagsgeschichten B102 #2
Alltagsgeschichten B102 #3
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Alltagsgeschichten B102 #10

Die Kreativgruppe machte mir Spass

Als jeder sein persönliches „Kunstwerk“ zu Ende gebracht hatte, sollte man sein Werk erklären … Gedanken und Gefühle waren in den 2 Stunden immer sehr wichtig. Wir waren eine gute Gruppe. Eine ruhige, eine die jedem mit sehr viel Respekt gegenüberstand. Und ich empfand das jede Einzelne sehr mit sich zu kämpfen hatte. Wir sollten auch gegenseitig unsere Kommentare zu dem Gemalten abgeben. Es war eine tolle erste Stunde für mich – auch wenn ICH über mein riesiges Gemaltes etwas erschrocken war. Professionell verstaut, ging es weiter zur nächsten Therapie.

Es war ein extrem heisser Sommer

Die Raucher genossen die freie Zeit auf dem verwachsenen, schattigen und grossen Balkon. Alle anderen hatten auch so ihre Beschäftigung gefunden. Meli, Gabriela, Evi und ich, kamen in der Gemeinschaftsecke zusammen. Wir beobachteten einige der Mädels, wie sie eifrig entweder etwas häkelten oder strickten. Es lagen Mützen und Decken gestapelt am Tisch. Die die eifrig die Nadeln klimpern liesen, erzählten uns dass sie von einer Schwester inspiriert wurden. Diese strickte während des Nacht-Dienstes eine Menge Beanies. Sah cool aus, war ganz einfach und auch ein sinnvoller Pausenfüller 🙂 .

Wir beschlossen Wolle und Nadeln zu kaufen!

Meli, Gabriela und ich beschlossen auch etwas zu machen. Evi blieb bei ihren 100 Lacken und ihren Fingernägeln, die sich beinahe täglich neu lackierte, wobei sie doch immer in der Runde sitzen blieb. Melanie war die Geschickte, Gabriela die Entschlossene, die auch gleich mit einer Decke für ihren süssen Sohn begann. Und ich? Mir war das irgendwie zu blöd und erinnerte mich an alte Leute, doch machen wollte ich aber trotzdem etwas. Mir ging es aber dabei um das Material das ich verwendete. Die Wolle, die weich und angenehm in meinen Fingern lag entschleunigte mich … eigentlich uns alle! Sie gab mir ein  Gefühl der Geborgenheit.

Melanie hatte relativ schnell eine Mütze fertig und Gabriela bekam überall Wollreste geschenkt und strickte wie wild 🙂 . Wie sagte sie immer? „Pah jo, schön is was anderes … aber das wird schon!“ *lach* ICH … ich häkelte eine Voodoo-Puppe, klar , was sonst! Sogar meine Zimmerkollegin, der ich das absolut nicht zutraute, häkelte Eulen, Fledermäuse und was weiß ich was alles. Irgendwie entwickelte sich das Ganze zu einer Sucht, die uns aber gut tat und uns von vielen Dingen abhielt, die wir vielleicht sonst gemacht hätten!

Stricken

Wir lernten uns immer besser kennen

Abends als es draussen wieder angenehme Temperaturen hatte blieben wir oft so lange sitzen bis wir zu Bett gehen mussten. Wir strickten und nähten zusammen, andere wieder wuzelten sich ihren Tabak für 1 Woche im Voraus, einige hörten Musik. Manche sah man gar nicht. So bildeten sich eben Grüppchen …

Meli und ich bemerkten, dass wir einige gemeinsame „Bekannte“ hatten und auch gemeinsame Vorlieben. Wie klein doch die Welt ist! Evi erzählte uns den Hintergrund ihrer Krankheit und des „nicht essen wollen“. Sie wurde schnell müde und ging auch früher schlafen. Gabriela … sie brachte uns sehr oft zum Lachen! Hörte gerne zu, fragte aber genau da nach , wo ein anderer wahrscheinlich sich nie trauen würde. Sie erzählte aber auch ohne Hemmungen über ihre Anliegen, Ängste und Sorgen. Manchmal gingen wir beide alleine spazieren und redeten über „Heikles“. Ich musste nach einiger Zeit feststellen, das ich von allen 3 Ladys einen Teil in mir trug. Und ich dachte immer ich sei ganz alleine mit diesen Themen …. Also war ich doch nicht so verkehrt hier …

Gabriela hatte eine Idee

Wir trafen uns am nächsten Morgen zum Frühstück, wobei sich Königin Gabriela immer gerne bitten ließ. Dann aber letztendlich im Eilschritt herbei huschte, in ihrem rosa Bademantel der gerade mal den Po bedeckte und, während sie hektisch ihre Semmel strich, verlautbarte „Ihr wisst ja, dass ich einen Bauchtanz-Kurs gemacht habe, ich habe die richtigen Bauchgürtel und die notwendige Musik zu Hause. Ich werde alles am Wochenende mitbringen und wir werden einen lustigen Abend verbringen!?“ Natürlich nur wenn ihr wollt!“ Dann schlürfte sie ihren Kaffee weiter und spitzte ihre Lippen dabei … SIE hatte heute morgen definitiv einen guten Tag! „Ja – das wird gemacht, wir brauchen auch wieder mal Spass!“ kam es von irgendwo rüber.

Das Wochenende war im Anmarsch und die Station lehrte sich wieder für 2 Tage

Mich zog es ohnehin nicht nach Hause. In der Wohnung lag zu viel negative Erinnerung, Schmerz und vor allem Traurigkeit. Ich blieb lieber hier. Hier hatte ich das Gefühl Unterstützung zu haben falls ich sie brauchte. Frauen, die Familie zu Hause hatten sollten am Wochenende bei der Familie sein. Immer mit der Option, zu jeder Zeit wieder herkommen zu können, wenn es für sie nicht erträglich war.

Eine Patientin, die ebenfalls nicht nach Hause wollte und ich beschlossen ans Wasser zu maschieren. Sie nahm ihre Gitarre mit und so gingen wir zur Donau. Ein sehr hübsches Mädchen das auch nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen ist. Sie bezeichnete mich mal als „ihre Heldin des Tages“, als jeder sich in der Gruppe einen Menschen suchen sollte den er bewundert, weil er für alles immer eine Lösung hatte und mutig war. Ich war damals sehr gerührt über ihre Nominierung, ich hätte ihre Mutter sein können. Ja für andere war es mir immer leicht  ein richtiges Wort auf den Lippen zu haben, ordentliche Vorschläge und Lösungen zu erarbeiten und dabei zu helfen … aber bei mir selbst – versagte ich kläglich 🙁 .

An diesem Wochenende war meine „Befindlichkeit“ auf 9, also ziemlich scheisse. Ich war enttäuscht das ich NIE Besuch bekam. Manche schämten sich auch hier her zu kommen, sie könnten ja gesehen werden. OMG! Meiner Begleitung ging es ähnlich. So saßen wir dann auf der Mauer, ich hatte mich noch nie in meinem Leben auf eine Betonmauer gesetzt wo eher die andere (manche sagen untere) Schicht von Menschen sitzt. Es war Premiere – sitzen und ich meine sogar es war Bier aus der Dose, das wir uns damals kauften und daran nippten! Wahnsinn … aber dieses Gefühl war gut, anders, mal aus der Reihe zu tanzen, nicht so sein als erwartet. Und meine anfängliche Angst, es könnte mich jemand erkennen, wurde von Stunde zu Stunde weniger.

Trotz wenig Lachen war es eine Erfahrung für mich

Wieder Zuhause wieder angekommen, (ich ertappte mich immer häufiger von meinem Zuhause zu sprechen), setzte ich mich zu meinem Tagebuch und begann zu schreiben. Ich war erstaunt über mich und wusste nicht, sollte ich mich schämen oder sollte ich stolz sein auf mich … auf einer Mauer gesessen zu haben, barfuss, ohne Lippenstift, ungestylt und mit einer Dose Radler in der Hand, mit einer jungen Frau, die meine Tochter sein könnte und mich zu ihrer Heldin des Tages machte! Neue Gefühle kamen hoch und ich nahm das Gefühl in der Mitte. #nichtschlechtundabundzuerlaubt#

Die Nacht war unruhig und ich belästigte die Nachtschwester mehrmals. Alte Geschichten, Schmerzen und Panik holten mich Nachts wieder ein. Mein zweites „ICH“ gewann diese Nacht …

Bauchtanz, Meditation und ein Vertrauensspiel mit meiner Therapeutin – all das wartete auf mich in den nächsten Tagen! 🙂

Bis in 2 Wochen wieder, wenn DU magst, ICH würd mich freuen 🙂

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Wir begannen unsere Gruppentherapie mit Arzt und Schwestern meistens gleich nach dem Frühstück um 8.00 Uhr. Die Sessel mussten im Kreis aufgestellt werden, der Raum mit frischen Sauerstoff gefüllt sein, ja und es wäre nicht schlecht wenn man ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit mitbringen würde bzw. könnte. Zwei  Themen mussten wir uns vor ab überlegen, die dann in der Stunde behandelt werden sollten. Jeweils ein aktuelles und persönliches. Es wurde dann in der Gruppe abgestimmt welches dieser Themen am Dringendsten war oder welches dieser Vorschläge für einen selbst interessant erschien. Jeder musste sich einbringen, sich dazu äussern und musste ganz wertfrei zu der betroffenen Patientin stehen – die übrigens nach Abstimmung, ihr ganz persönliches Thema vor allen vortragen musste! Dabei sollte auch eine Lösung herauskommen.So in etwa war der Ablauf dieser Stunde.

Atmen, zählen, Achtsamkeitsübungen

oder auch manchmal einer kurzen Geschichte lauschen …

Diese Dinge sollten dazu beitragen die Stunde gut einzuleiten, sich zu sammeln und sich zu konzentrieren. Diese erste Stunde war für mich eine mittlere Katastrophe! Viel zu viele Menschen in einem, für mich viel zu kleinen, Raum, mit einem Arzt der mir nicht lag und „Übungen“ die ich sehr doof fand. Gabriela und Evi  waren in dieser Gruppe ebenfalls eingeteilt, das blieb auch die restliche Zeit so. Das machte es für mich etwas einfacher … ein wenig.

Während der Achtsamkeitsübung, in der diesmal alle die Augen schliessen mussten weil wir auf unseren Atem achten sollten und uns auf die Geräusche im Raum konzentrieren usw. Mehr weiß ich nicht mehr, da ich in der Zeit anderweitig beschäftigt war. Ich „musterte“ alle Anwesenden im Raum … besonders „Dr. Liebling“, wie ich ihn hier nenne.

Er erfüllte absolut nicht das Klischee eines Arztes

Ich sah, dass ER wirklich die Augen geschlossen hielt, tief ein und ausatmete, an seinem dicken goldenen Ehering drehte. Dabei sah ich mir seine Hände an. Grosse gepflegte schöne Hände und Finger sah ich. Dafür trug er abgelatschte Birkis, einen schwarzen und einen dunkelblauen Socken – was mich zum Schmunzeln brachte. Seine Jeans schien mir auch irgendwie versudelt genauso wie sein kleinkariertes Hemd, über dem er einen viel zu grossen Arzt-Mantel trug.

Ich glaube es war Gabriela, die bemerkte das ich nicht das machte was ich sollte, weil sie ebenfalls ihre Augen durch die Runde gleiten lies! Wir lächelten beide und wurden zeitgleich in die Gegenwart durch ein lautes: „Na, wie ist es ihnen dabei ergangen?“ zurückgeholt. Es folgte ein Abfragen jedes Einzelnen. Ich wiederholte einfach das was die anderen vor mir gesagt hatten und ich merkte das meine Stimme beinahe versagte und sehr belegt war. „Dr. Liebling“ hatte mich glaube ich durchschaut – er zog nämlich seinen Mundwinkel unzufrieden nach oben, was mich schon wieder zum „Kochen“ brachte!

Die Befindlichkeitsrunde folgte

Bitte was sollte das jetzt? Auf einer Skala von 1-10 mussten wir beschreiben wie und vor allem warum wir uns so fühlen wie wir uns fühlen. Ich fühlte mich mehr und mehr unwohler. Meine Beine waren hippelig, mein Gefühl keine Luft zu bekommen kündigte sich an. Mein Zimmerkollegin stand plötzlich auf und kam kurz darauf mit 2 Coolbags wieder. Einer mitten am Kopf platziert den anderen in ihr unübersehbares Dekolte gepackt. Ich musste mich jetzt konzentrieren konnte aber nicht denken. ICH war an der Reihe. Schon sein Blick machte mich nervös bevor er mich fragte: „Und? Wie sieht es bei ihnen aus?“

„ICH fühl mich unwohl in der Gruppe, außerdem passe ich hier nicht her!“ war meine Antwort, schwer verständlich da meine Stimme mich immer wieder verließ. „Aha, mhm … nämlich weeeiilll?“ fragte er nach und betonte das „weil“ abtrieben lange. An weiteres konnte ich mich nicht mehr erinnern. Ich klinkte mich gedanklich total aus – machte zu. Game Over. Nicht nur in dieser Stunde, sondern für den Rest des Tages.

Wieder wollte ich meine Koffer packen

Im Zimmer angekommen beschloss ich wieder mal zu packen.Meine Zimmerkollegin erzählte mir, dass es ihr das erste Mal auch ähnlich ergangen ist. In der Zwischenzeit ist es völlig normal. SIE als Dauergast hatte natürlich schon so ihre Erfahrungen gesammelt. „Wenn es dir nicht gut geht dabei, hol dir von den Schwestern irgendwelche Skills, das hilft!“ Soso, jetzt verstand ich weshalb jede Zweite mit Igelball, Riechkissen oder Coolbags da saß …

Natürlich wurde meine „Handlung“ meiner Bezugsschwester mitgeteilt. Die mich dann auch relativ rasch aufsuchte. Aber auch bei ihr machte ich dicht. Ich sagte nix und beantwortete keine ihrer Fragen – nur ein „Ich kann diesen Arzt einfach nicht leiden!“ Gemerkt hatte ich mir nur diese Worte als sie sagte „Seine etwas „besondere“ Art ist Teil der Therapie „… ja, möglich, nur  dieser Mann machte mich „klein“, nahm mich nicht ernst und er provozierte mich alleine wenn er mich nur ansah! (Im Übrigen war ich mit dieser Meinung keinesfalls alleine …)

Ich freute mich auf die Kreativgruppe am Nachmittag!

Evi und ich waren gemeinsam mit 6 anderen. Sie war im Vorteil, sie war ja schon länger da als ich und erklärte mir worum es dabei ging. Ich platzte ja neu dazu und so sollte sich jeder nochmal vorstellen, etwas von sich erzählen inkl. seine „Befindlichkeit“ , die scheinbar hier ganz gross geschrieben wurde, abzugeben. Hier fiel es mir nicht schwer aufzupassen, dabei zu bleiben. Ich mochte die Therapeutin und die Mädels ebenso. Evi war sehr ruhig und sagte nicht viel, ihre Befindlichkeit war auf Level 6-7, mit Begründung das ihre Mum gerade in einer Chemo steckt und es ihr sehr schwer fällt, nicht bei ihr sein zu können. Die kurzen Sätze aus ihrem Munde drückten mir schon wieder Tränen in die Augen. Jede Einzelne erzählte und ich war von jeder einzelnen Geschichte so gerührt dass mir die Therapeutin Taschentücher reichte … Wie ich es hasste öffentlich zu weinen! Ich fühlte mich schlecht … ganz schlecht. Gefühle waren eben nicht so mein Ding. Wie war das mit dem Abgrenzen, was sie mir eingangs schon gesagt und ans Herz gelegt hatten … hier versagte ich kläglich.

Meine erste Aufgabe in dieser Stunde

Die erste Stunde wurde ja ausgefüllt mit Tränen, in der zweiten sollten wir ein Bild malen … besser gesagt unsere Gefühle malen in den wir gerade steckten. Und natürlich dem Ganzen einen Titel verpassen. Wir hatten alle Möglichkeiten alles war an Material vorhanden. Als ich die riesige Fläche aus Papier, die ich bemalen wollte, an die Wand klebte begann mein Herz zu pochen, so als könnten es alle im Raum hören. Ich machte Gebrauch davon mir eine Pause am Fenster zu geben. Es war mir wieder mal peinlich so schwach zu sein und mich einfach nicht in der Hand zu haben.

Kreativstunde15 Minuten später pinselte ich drauf los. Ich war schnell und meine Hand samt Pinsel gleitete wie von selbst übers Papier. Unsere Therapeutin kam leise auf mich zu und meinte flüsternd: „Gut, jetzt nehmen sie Abstand und setzen sich davor – betrachten sie es ganz genau … was erkennen sie darin und vor allem was spüren sie beim Betrachten ihres Bildes …“

Erst jetzt wurde mir bewusst was ich da veranstaltet habe. Ein riesiger schwarzer Fleck der nach aussen hin etwas gräulich wurde. In der Mitte ein winziger roter Fleck, der nach unten auslief. DAS war mein endgültiges AUS des Tages.

„Das ist gut so wie es ist“, sagte sie, als sie merkte das ich mit den Tränen kämpfte. „Das ist ihr Inneres und so fühlen sie sich … präziser geht es gar nicht!“ Sie hatte sowas von recht!

Das Abendessen ließ ich aus und war heilfroh, dass alle meine „ich will nicht reden“ Phase ohne nur ein Wort zu fragen akzeptierten! Selbst meine Zimmerkollegin verließ das Zimmer mit den Worten „Brauchst du mich – ich bin draussen“. So konnte ich mich in Ruhe und lange genug unter die Dusche stellen, was ich immer tat wenn ich mich nicht mehr spürte …

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Es begann unser gegenseitiges „Beschnuppern“

Nach dem Abendessen sammelten wir uns dann in der „Gemeinschaftsecke“, der Platz für all diejenigen die eben nicht allein sein wollten oder ein Mitteilungsbedürfnis hatten. Ich ließ zum ersten Mal mein rotes Sofa im Stich. Ich glaub es war Melanie, die uns mit frischem Kaffee versorgte ohne viel zu fragen. Und es war Gabriela, die als Erste zu fragen begann. Ich glaube sie konnte es kaum erwarten von jedem Einzelnen den neuesten Stand zu erfahren. In ihrer liebenswürdigen Art mit zugespitzten Lippen und ihrer kleinen Stupsnase samt Pausbäckchen fragte sie “und … warum seid ihr alle hier?“

Evi, unsere Essensverweigerin und sonst so Stille, gab als erste ihre Info ab. „Ich bin schon seit 4 Wochen da!“ Mehr kam nicht, weil sich das „warum“ erübrigte wenn man sie sah.

„Ich bin seit gut einer Woche hier, hab die Koffer in der Zwischenzeit 10 mal gepackt weil ich mir nicht sicher bin hier richtig zu sein“ sagte ich. Mehr kam fürs Erste nicht von mir. Von Gabriela kamen immer wieder Zwischenworte wie „Aha, pah jo oder mhm…“. Ich glaube auch das SIE ihre Geschichte am Schluss bringen wollte, sie lies Meli den Vortritt.

Alle Blicke waren auf Meli gerichtet, sie kiefelte an ihren Piercings rum und sagte dann “Ich bin überfordert … mit allem! Ich habe Panik und Angst, hab einiges auf zu arbeiten was meinen Ex-Mann betrifft und habe auch immer wieder Schuldgefühle. Ich hab meinen Job nicht mehr, hatte einen Autounfall und kann seit dem nicht mehr fahren weil ich zu grosse Angst habe. Ich halte keine Menschenansammlungen mehr aus und fühl mich einfach nur schlecht. Wenn mich dieses Gefühl wieder in seinen Bann zieht, kommt es vor das ich mir meine Gel-Nägel einfach abziehe bis der Nagel ganz dünn ist, zupf an meinen Wimpern oder epiliere mich bis Blut läuft. Sie versuchte dabei cool zu bleiben, als sie uns davon erzählte, kämpfte aber mit den Tränen …

Gabriela hatte ebenfalls einen Blick aufgesetzt, den ich gar nicht sehen konnte. Evi zog nur den Mundwinkel hoch. Nach einer kurze Pause des Schweigens, begann Gabriela mit ihrem „Pah-Jo“ … also … Sie rutschte bequem in den Sessel und betrachtete ihre lackierten Nägel während sie anfing zu reden. Mir gehts irgendwie ähnlich, ich bin mit Haushalt und meinen 4 Kindern total überfordert. Ich bekomm Schrei- und Wutanfälle und wenn gar nix mehr geht geh ich einfach ins Bett und schlafe SOFORT ein um den ganzen Wahnsinn zu entfliehen. Nachher fühle ich mich schlecht und glaube auch keine gute Mutter zu sein. Mein Ex-Mann kommt immer wieder um Geld und kümmert sich nicht einmal um seine Kinder!

Mir ist aufgefallen das sie immer lauter wurde, dabei nervös ihre Hände und Füsse ansah. “Ich stopfe mir abends Chips, Knabernossi und Nutella rein, trinke manchmal zu viel oder geh raus in die Nacht … nach diesem Satz begann sie zu weinen.

Meine Mädels

Ich setzte mich wieder unter meine Käse Glocke

ICH war überfordert und konnte mit solchen Situationen überhaupt nicht umgehen – wie auch, ich kam ja mit meiner eigenen schon nicht klar. Und das obwohl ich vorher schon 6 Wochen auf einer „schlimmeren“ Station verbracht hatte! Ich ärgerte mich über mich selbst, stand unangekündigt brutal auf, drückte mir meine Kopfhörer in die Ohren und ging nach draussen. Ich war darüber sehr froh denn in der Zwischenzeit wusste jeder, wenn ich die Dinger in den Ohren hatte, wollte ich meine Ruhe und man sollte mich besser jeder in Ruhe lassen! Ich drückte auf Play und und hörte mir MEINEN Song an „Alles wird besser werden“ von Xavier Naidoo. Ich wurde wieder zum Adler der gerne wegfliegen wollte, aber nicht konnte da er es verlernt hatte und mir die Flügel gestutzt wurden …

Da ich mir sehr schwer mit dem Weinen tat, obwohl mir danach war, hab ich mir ein Hilfsmittel zu nutze gemacht. Musik – die mich berührte oder mich an schöne Momente erinnerte. Dann ging es und es war eben wieder so ein Moment, mir taten die drei Mädels so leid, dass ich komplett vergaß warum ICH hier war, auf mich vergaß.

Ich glaube mehr als ein „Schlaft gut Mädels“ war nicht mehr an diesen Abend. Ich holte mir meine Medikamente vom Stützpunkt und verzog mich in mein Zimmer, dass ich jetzt sehr häufig für mich alleine hatte, weil meine Zimmerkollegin es wohl akzeptiert hatte, daß ich ihr Interesse nicht teilte und mir Männer definitiv lieber waren als Frauen.

Mit den Medikamenten intus funktionierte das Einschlafen von selber und sie beförderten mich rasch ins Bewusstlose …. ich liebte damals dieses Gefühl … Ich wusste ja die Nachtschwester kam nachts einige Male in jedes Zimmer um zu sehen ob alles ok war. Bei den Neuen und den „Problemfällen“ war dies beinahe alle 1-2 Stunden. Ich war immer nur geblendet wenn sie mir brutal ins Gesicht leuchtete. Am nächsten Morgen kam die Schwester zu mir und fragte ob ich mich kurz zu ihr aufs Bett setzen möchte. Sie hatte Glück weil ich mochte sie und ihr gütiges ehrliches Lächeln.

„Wissen sie eigentlich, daß sie sich jede Nacht selbst ganz fest in den Armen halten? Oder sich selbst liebevoll die Hand geben? Oder einfach nur ihre Hand ins Gesicht legen als würden sie sich streicheln?“ – Blöde Frage, natürlich wusste ich es nicht und ich konnte es mir auch nicht vorstellen! UND – es war mir sowas von peinlich! Einer meiner ersten Gedanken dazu war, dass ich jetzt sicher eine Tablette zusätzlich bekommen werde. “Mein Dienst ist zu Ende, aber ich wollte ihnen das noch sagen, denken sie mal darüber nach, was ihnen das zeigen soll“. Mit einem „schönen Tag, wir sehn uns am Abend und ich würde gerne ihre Gedanken dazu wissen“ war sie aus der Tür.

Neuer Tag – besserer Start? Nö.

Super – der Tag begann genau so wie ich es NICHT mochte. Ich sollte mich mit MIR auseinander setzen.

Um 8.00 Uhr begannen für die Meisten die Therapien. Es war noch nicht mal 7.00 und ich saß schon auf der Terrasse, diesmal bei den Rauchern – wenn ich mich nicht wohl fühlte griff ich bis dato immer wieder zu einer Zigarette. Besser gings mir danach aber auch nicht.

Beim Frühstück trafen wir uns wieder, Meli, Evi, Gabriela und ich. Sie hatte es so gedeichselt das wir alle an einem Tisch zusammen waren. Evi musste bei der Essstörungsgruppe sitzen, wo immer eine Schwester dabei war und das Essen richtig zelebriert wurde. Der Platz neben mir gehörte meiner Zimmerkollegin, die erst 5 Minuten vor jeder Therapie in den Tag startete. Wie das ging? SIE konnte das perfekt.

In unseren Vertrag den wir unterzeichnet hatten stand auch das wir uns um andere NICHT zu kümmern haben, dafür gibt es das Personal. Daran hielt ich mich auch, ich weckte sie vielleicht 2 oder 3 mal während unserem Aufenthalt, öfter nicht und es fiel mir auch erstaunlicher Weise nicht sehr schwer mal nicht die „Mama“ zu spielen!

Der gestrige Abend wurde nicht erwähnt und so schlürften wir unseren Kaffee, holten uns unsere Medikamente ab und begannen um 8.00 mit der Gruppentherapie. Die sah so aus, dass mindestens 2-3 Therapeuten, 2 Schwestern dabei waren und manchmal auch ein Arzt, der dann auch durch die Stunde geführt hat. An diesen Morgen war es eben genauso.

Es war genau DIESER Arzt bei dem ich das Erstgespräch bei meiner Aufnahme hatte. Ich mochte ihn überhaupt nicht! Nicht nur seine unsympathische Ausstrahlung und seine provokante hochnäsige Art, die er mir entgegen brachte, machte mich beinahe zur Mörderin. Ich kam mir vor als würde er mich verscheissern und nicht ernst nehmen! – NEIN, das genügte alles nicht! Seine gestellten Fragen wie “Sehen sie manchmal rosa Elefanten?“ (kein Scherz!) oder „Wann hatten sie das letzte Mal Sex?“ und „Befriedigen sie sich oft selber?“ (nur um ein paar Beispiele zu nennen …) machten seine Anwesenheit für mich noch unerträglicher.

Ja und so begann meine zweite Gruppentherapie. I love it 🙁

Kennst du schon die weiteren Teile der Alltagsgeschichten?
Alltagsgeschichten B102 #1
Alltagsgeschichten B102 #2
Alltagsgeschichten B102 #3
Alltagsgeschichten B102 #4
Alltagsgeschichten B102 #5
Alltagsgeschichten B102 #6
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Alltagsgeschichten B102 #9
Alltagsgeschichten B102 #10

Urheber Titelbild: izakowski / 123RF

Ich bekam eine „spezielle“ Zimmerkollegin 🙂

Da standen wir beide nun … Sie mit ihrem roten Schopf, den übergrossen freundlichen Augen, ein wie gesagt breites Grinsen im Gesicht, das ich mir hier irgendwie gar nicht vorstellen konnte, jemals zu haben … und dann waren noch ihre verbundenen Arme, von denen sie mir einen entgegenstreckte und sagte „DAS hab ich mir gewünscht, schon als ich dich das erste Mal sah!“

Sie meinte damit wohl den Tag vor 2 oder 3 Wochen an dem eine erste Besprechung hier auf der Station statt fand. Wir sollten uns kurz vorstellen und unsere „Geschichte“ erzählen. An die Station selbst konnte ich mich überhaupt nicht erinnern. Was auch kein Wunder war, denn ich stand sowas von neben mir und hab schon beim Erzählen der Anderen so geweint, dass sie mich verschont haben und ich nicht ausführlich über mich zu berichten musste … Die Stationsschwester meinte dann „Wir werden sicher noch die Gelegenheit haben mehr über Frau Sandra L. zu erfahren – beim nächsten Zusammensein“ … Das war alles was bei mir von dieser Stunde hängen geblieben ist.

Ein „Aha“ kam von mir und ich gab ihr ebenfalls die Hand und entschied, besser gesagt sie entschied, beim Du zu bleiben. S.R war 24 Jahre und gehörte zum Inventar der Station, da sie alle paar Monate hier landete, wie sie mir erklärte. Sie war klein, pummelig und hatte eine extrem grosse Oberweite. Quetschte sich aber scheinbar gerne in sehr enge Kleidung, wie mir vorkam. Blümchen und Wölfe dürfte sie bevorzugen, ein Mustermix der mir weh tat! UND, sie bevorzugte Frauen. Reifere Frauen, wie sie mir später mal erzählte. Jetzt verstand ich auch weshalb sie sich so freute, mich als Zimmerkollegin zu haben …

Einfach setzten und essen? So funktionierte das nicht!

Das Ganze hatte auch einen Vorteil, S.R. kannte sich hier aus und ich wusste schneller als alle anderen Neuen wie vieles hier abläuft. DAS war aber schon das Einzige. Während ich mein Bett bezog überrollte mich die nächste Panikattacke. Ich bekam so gut wie keine Luft und mein Körper machte nicht was ich ihm sagte. Ich stellte mich für ca. 15 min unter die eiskalte Dusche. Mit blauen Lippen und taubem Körper machte ich fertig. Um 11.30 gab es Mittagessen. Erst da verließ ich das Zimmer. Schnappte mir mein Essen das mit meinem Namen versehen war und nahm den ersten freien Platz wo rund um mich keiner saß. So hätte ich es zumindest vorgehabt. Kaum stand das Tablet am Tisch hörte ich schon eine Stimme die sehr bestimmt zu mir sagte „He, hier geht gar nix, da sitzen andere und das ist mein Platz!“ Ein weiteres Mal hätte ich am liebsten meinen Koffer gepackt und wäre heim gefahren, so dermassen ging mir das alles hier auf den Nerv! Eine 21 jährige Tussnelda mit angewachsenen Handy am Ohr, blond-pinken Haaren und endlos langen falschen Fingernägel war es, die  MIR so doof kam und mich noch dazu von hinten anzischte!

Wo bin ich hier nur gelandet, dachte ich mir an diesem Vormittag schon zum 10 Mal!? Es gab nur 2 Möglichkeiten, ich suche mir einen anderen Platz oder ich platziere mein Essen direkt in ihr Gesicht, worauf ich grosse Lusst gehabt hätte! Tat ich aber nur gedanklich. Mich erinnerte das Ganze sehr stark an die Serie Frauen hinter Gitter, diese Rangordnung, die es hier irgendwie gab … zumindestens habe ich es an diesem Tagen so empfunden…

Das rote Sofa machte ich zu „meinem“

Ich redete nichts, nur wenn ich musste. Den Therapieplan hatte ich bereits und die ganze Station von 20 Menschen wurde in 2 Gruppen geteilt. Also machte ich die vorerst sehr rar eingeteilten Therapien, die hauptsächlich aus vielen Gesprächen bestand, lernte MEINE Psychologin und meine Bezugsschwester kennen. Mehr wollte ich auch gar nicht kennen und wissen. Es gab  ein rotes Ledersofa welches ich in Beschlag nahm. Es wurde nämlich nicht gern gesehen wenn man zu lange am Zimmer war (gerade am Anfang). Das war eigentlich der perfekte Platz für mich. Es stand in einer Ecke – abseits und ich konnte aus einer guten Distanz zu den anderen alles überblicken, ausserdem fühlte ich mich durch die Wände in meinem Rücken „geschützt“ (klingt doof, war aber so). Es hatte jedoch auch den Nachtteil, dass mich das Pflegepersonal hier besonders gut beobachten konnte!

Die einzige Person, der ich etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte war Evi. Eine 24 jährige, die mit Nahrung und Essen ein Problem hatte. Ihre Nahrung bestand hauptsächlich aus Kaffee und Zigaretten. Sie brachte gerade mal 40 kg auf die Waage, war sehr ruhig und schlief sehr viel. Ein sehr hübsches Mädchen, um die ich mir sofort Sorgen machte! Mein „Helferlein“ machte sich wieder bemerkbar. Ich beneidete sie um ihre wunderschönen langen Haare und musste dabei immer an meine Tochter denken, beide waren im selben Alter. Evi war schon sehr lange auf der Station …

So vergingen die ersten Tage wenn ich Zeit zwischen den Therapien hatte. Lesend, aber meistens mit Kopfhörer auf  „meiner“ roten Bank sitzend, ohne Gefühl und Mimik. Seltsamer Weise traute sich sowieso keiner mich anzureden. Selbst das Blondchen mit den langen Krallen hielt ihren Mund als ich ihr bei der zweiten blöden Anmache sagte, sie solle ihren Text der Wand widmen, weil MICH das Null juckt was sie da von sich gibt! Es war sehr klug sich daran zu halten, denn ich war zu diesem Zeitpunkt leicht gereizt und musste das auch manchmal herauslassen! Zwei Tage darauf brach sie freiwillig den Aufenthalt ab, mehr wusste ich von ihr nicht.

Mit dem Aufnahmetag kam eine Veränderung

Dienstag und Mittwoch waren jeweils die Aufnahmetage auf der Station. Und so saß ich wieder auf meinem roten Sofa und beobachtete wer denn so eintrudelte. Ein junger Mann brachte seine Frau, Freundin oder Mutter, ich hatte keine Ahnung, auf das Zimmer. Eine Menge Taschen und Koffer folgten. Es war Meli, 39 Jahre, Mutter von 4 Kindern und der junge Mann war ihr Freund. Melanie, die mir sofort sympathisch war als wir uns vorstellen. Ihr kurzer blonder Schopf und ihr Undercut passten zu ihr. Sie erinnerte mich ein wenig an Pink … Der erste Eindruck war resolut, direkt und sie schien mir nicht unglücklich. Das aber auch SIE ein Problem haben musste, war mir klar …

Dann trudelte Königin Gabriela ein. Eine quirlige dunkle Frau, die ebenfalls die Leidenschaft zur hautengen, körperbetonten Mode hat. Sie erinnerte mich so sehr an Betty Boop 🙂 . Ihre roten zugespitzten Lippen, die kleine Stupsnase und ihr freundliches Gesicht, mochte ich irgendwie. Aufgefallen ist mir ihre Ausdrucksweise – gewählt mit Akzent. Charmant wie ich fand. Sie ist alleinerziehende Mum von ebenfalls 4 Kindern und ebenfalls 40 Jahre. Der Eindruck den ich von ihr hatte war für mich schwer einzureihen. Sie war laut, extrem hektisch und fühlte sich sofort angegriffen wenn man sie nur zu lange ansah. Was ihr „Ventil“ war, wusste ich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Die Details wurden erst abends und in den nächsten Tagen langsam ausgetauscht. Jedenfalls begann ab diesen Tag eine intensive innige Freundschaft … aber DAS … wussten wir jedoch alle selber auch noch nicht!

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Alltagsgeschichten B102 #1
Alltagsgeschichten B102 #2
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Alltagsgeschichten B102 #10

Vorurteile hat jeder, auch ich war vollgetopft damit. Mit Erlaubnis meiner „Hauptdarsteller“, möchte ich dir hier, in nicht zu trockener Form, all das widerspiegeln was ich in der langen Zeit so erleben durfte! Auch um zu zeigen, dass es nicht immer nur traurige Tage gegeben hat, sondern auch durchaus etwas zum Lachen. Ich würde mich freuen wenn du mich dabei begleiten würdest. 🙂

Einleitung

Vor fasst 1,5 Jahren hab ich mich freiwillig dazu entschlossen, nach 2 Burnouts, einer Chemo und einem langen Aufenthalt in der „5 Minuten vor 12“ Station, weiter an mir zu arbeiten und mich für mehrere Monate in die Kepler Universität zu begeben. Seit dem Tag wurde mir erst klar, was Überwindung wirklich bedeutet!

Der Tag X war fasst da

Ein Monat war nur zwischen dem einem und dem nächsten Klinikaufenthalt vergangen. Im Normalfall wird man auf eine Warteliste gesetzt und muss etwas Geduld mitbringen. Ich war allerdings sehr froh darüber so rasch „einrücken“ zu dürfen.

Zu Hause hielt ich es kaum aus, und in meinem Kopf spielten sich NUR Horrorszenarien ab. Ich hatte  zwar furchtbare Angst mich auf etwas neues Längerfristiges einzulassen, anderseits schämte ich mich! Bitte wer macht schon freiwillig so einen Schritt? Da ich ja beschloss mir eine Auszeit zu geben, meinen Job ohne viel nachzudenken hinter mir ließ, sagte ich zu der Hand voll Menschen die mir zu diesem Zeitpunkt noch wichtig waren „ich werde jetzt das tun was ich schon viel früher hätte tun sollen, auf MICH schauen und an mir arbeiten“. Mehr erwähnte ich nicht. Die Scham war grösser als alles andere.

Check-In in mein für viele Wochen neues Zuhause

Eine Freundin, die ich beim vorigen Klinikaufenthalt kennenlernen durfte, hat sich an diesem Tag um mich total verstörtes grosses Mädchen angenommen. Sie verbrachte die Nacht zuvor bei mir und konnte meinen spontanen morgendlichen Entschluss lieber doch nicht zu fahren, mit viel Zureden und Händchen halten bei Seite schieben!

Ich handelte sicherheitshalber mit ihr aus, dass sie mich wieder mit nach Hause nimmt, falls ich mich nicht wohl fühlen sollte. UND – sie musste so lange bleiben bis ich mein Zimmer bezog, auf etwas anderes ließ ich mich nicht ein! Als sie mit OK antwortete, gings mir besser …

Die 40 Minütige Hinfahrt, muss für sie der reinste Horror gewesen sein!

Es ist bei mir einfach so wenn ich nervös, aufgeregt bin oder ein Unwohlsein in mir habe, rede ich entweder ununterbrochen aus Verlegenheit und meistens springe ich dabei von einem Thema zum anderen oder – ich bin beinahe tot. Dazwischen gab es nichts! (Das entweder oder Denken). Für diesen Morgen entschied ich zu reden, sehr viel zu reden, ich möchte beinahe sagen ich hatte kaum Zeit Luft zu holen … aber auch das ertrug sie tapfer und ich war ihr unendlich dankbar!

Nach der Anmeldung zog ich meinen Koffer (in der Zwischenzeit war ich sehr still geworden und mein ganzer Körper juckte) hinter mir her. Und da standen wir nun. „B102 Psychosomatik – Herzlich willkommen“ stand auf der riesigen Glastür. Mit Fensterfarbe darauf gemalt. Blumen, Vögel und Schmetterlinge … all so kindisches Zeug! Das was ich mir in diesem Moment dachte murmelte ich auch vor mir her…

„Willst du nicht hinein gehen?“ fragte mich meine Freundin. Ich konnte mich nicht bewegen, nichts sagen und schon gar nicht die Türschnalle angreifen … Ich bemerkte wie die Schwestern, sie saßen in einem rund gebauten Glaskomplex, uns von drinnen beobachteten. Ich glaube eine davon sah mir meine Panik an und schoss aus ihrem „Reich“ hervor, öffnete uns die Tür, nahm mir die Unterlagen aus der Hand und sagte mit ruhiger rauchiger Stimme „Herzlich willkommen Frau L., sie sind richtig hier!“.

„Wieso wusste sie wer ich bin?“ dachte ich mir, und als ob sie das Fragezeichen in meinem Kopf lesen konnte, sagte sie „Es ist so üblich das wir verständigt werden, wenn sich ein neuer Patient angemeldet hat“. OK, Kontrolle pur ging mir durch den Kopf. Ich musste auf das vollständig Zusammentreffen der „Neuen“ warten. 4 sollten noch kommen. In der Zwischenzeit wurde ich gewogen, gemessen, musste einen Drogen- und Alkohol-Test machen und durfte danach Platz nehmen.

Es ging alles so schnell, daß ich gar keine Zeit hatte darüber nachzudenken. Meine Freundin kam mir mit einem Automaten-Kaffee entgegen, den sie mir unaufgefordert in meine feuchte Hand drückte. „Und?“ fragte sie ruhig und nahm gleichzeitig meine ekeligen nassen Hände in die ihren.

DAS hätte sie nicht fragen sollen. Ich glaub ich schrie sie sogar an und meinte „Was? Ich musste jetzt neben der Schwester in den Becher pinkeln, und sie hat mich tatsächlich blasen lassen … um 9 Uhr morgens! Schau ich wirklich so schlimm aus?  Ich hab weder ein Drogen- noch ein Alkoholproblem! Ich bin hier falsch, ich möchte hier nicht bleiben …“ so ungefähr war meine Antwort auf ihr gefragtes UND. Wir einigten uns bis zur Zimmereinteilung und mit wem ich es teilen würde, zu warten. Ich tat ihr den Gefallen, aber nur sehr ungern.

Meine roten Flecken verteilten sich am ganzen Körper als ich die Zeit fand, mir die schon länger anwesenden Patienten genauer anzusehen. Und wieder ein halblautes „Ich pass einfach nicht hier her“… 2 Männer, der Rest waren Frauen, besser gesagt sehr junge Mädels, ICH war definitiv die Oma hier. Der Raum, in dem wir warteten, war auch gleichzeitig der Essenbereich, direkt neben den Schwestern die alles im Blickfeld hatten. Ein grosser verwachsener Balkon wo sich Raucher und Nichtraucher trafen. Den Balkon benutzte auch die Psychiatrie gegenüber. Ein Zusammenkommen war ausdrücklich verboten. Eigentlich musste ich ja den Anblick von verbundenen Armen und Beinen, blauen Flecken und verstörten Blicken gewohnt sein dachte ich mir, ich bin ja selbst so rumgelaufen … und doch trieb es mir die Tränen in die Augen. Ich konnte jeden vollbrachten Schnitt, den sich die Frauen selbst zugefügt hatten, spüren … ein weiteres Mal wär ich am liebsten davon gelaufen …

Aus meinen Gedanken wurde ich von einer Schwester gerufen – alle waren nun da und die Zimmereinteilung folgte inklusive Bett-Nachbarin. Nummer 8 Frau Sandra L. und Frau S. R.  hieß es. Keine Ahnung wer das war, ich zog meinen Gepäck durch den Gang und blieb vor der Nr. 8 stehen. Meine Freundin öffnete und sagte sofort „Gross ist es“, “ Ja, und es sieht aus wie ein Internatszimmer für geistig Kranke …“ das war mein Eindruck. Ich setzte mich aufs Bett und sagte ein weiteres Mal das ich hier nicht bleiben kann und deplatziert sei! Es folgte eine Panikattacke vom Feinsten. Als es klopfte öffnete meine Freundin die Türe und die Schwester stand mit meiner Zimmerkollegin in der Tür.

Es war mir wirklich egal mit wem sie da ankam, Hauptsache mein Panikanfall legte sich. Meine Freundin wurde aufgefordert zu gehen. „Ich gehe ebenso, ich halt es hier nicht aus, ich pass nicht hier her, vielleicht ist es auch noch zu früh, ich bekomm da keine Luft“ schrie ich heraus … Die Schwester nahm mich mit ins Sprechzimmer und versuchte mir einiges zu erklären. Angeblich sagen das viele Patienten, die neuen Eindrücke, die fremden Menschen, es ist alles sehr viel auf einmal. Ich solle mir die 3 Wochen zur „Eingewöhnung“ geben und erst danach entscheiden ob ich bleibe oder abbreche. Es wäre sehr schade wenn ich es schon bis hierher geschafft habe und jetzt das Handtuch schmeisse.

Da ja mein Ziel war viel zu lernen und gefestigter wieder nach Hause zu gehen, willigte ich ein. Ich verabschiedete mich tränenreich von meiner Freundin, die sich 10 mal umdrehte bis sie zur Tür hinaus war. Und ICH? ICH stand vor meiner Zimmerkollegin, die riesige Augen hatte und knallrote Haare mit einem Grinsen im Gesicht als sei Weihnachten und Ostern zu gleich …

Warum das so war, erzähle ich dir das nächste Mal … genauer gesagt in 14 Tagen 🙂

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