Wenn wir den Kontakt zu unseren Eltern abbrechen
Lesezeit: 4 Minuten

Wenn Erwachsene „Kinder“ den Kontakt zu Ihren Eltern abbrechen,  sind meistens die Schatten der Vergangenheit stärker als die Gegenwart. Es sind immer wiederkehrende alte Muster die bestehen bleiben und scheinbar nicht gelöst werden können. Dieser Abbruch kommt nicht wie meistens geglaubt, abrupt, sondern er entsteht aus einer Folge langer Verletzungen oder (und) Enttäuschungen …

Ich kenne unglaublich viele Menschen, die die Brücke zu Ihren Eltern abreißen. Da gibt es Töchter die beschreiben, dass sie diese ständige Bevormundung Ihrer Eltern nicht mehr durchdrücken. Mit 43 Jahren … verheiratet und selbst Mutter zweier Kinder. Dann gibt es die andere Art. Nichts ist recht, alles ist verkehrt und falsch. Statt lobende Worte kommt nur Kritik! Und das von Kinderbeinen an … Dann gibt es die Sorte „Ich bin dann mal weg“ Eltern. Mutter oder Vater flieht vor jeglichem Konflikt. Das Einzige, was von den Eltern kommt, ist Stille. Gerade in Mutter-Tochter Beziehungen kommt es vor, statt sich mit der Tochter an einem Tisch zu setzen, wird das Problem lieber mit Außenstehenden beredet. Dann gibt es die Eltern, die nur von sich reden, jede Kleinigkeit doppelt so groß machen und nur negativ sind.

Diese Situationen sind wie ein Ohnmachtsgefühl

Es ist keine schöne Sache, wenn wir es aus eigener Kraft nicht schaffen, etwas an der Qualität der Eltern-Bindung zu ändern. Es ist ein jahrelanger Prozess, der in sich schlummert, immer in der Hoffnung, doch etwas ändern zu können! Einfach nur gesehen und gehört zu werden. Oft ist allerdings die eigene Belastung zu hoch und der Kontakt wird gekappt.

Ich habe vor drei Jahren den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen. Genauer gesagt, sie haben es so gewollt und ich habe es akzeptiert. Es ging dabei nicht um eine Bestrafung irgendwelcher Verhaltensmuster meiner Eltern, sondern eher darum, dass ich lieber die Eltern verliere als mich selbst! Und dieser Prozess war in meinem Fall schon sehr weit fortgeschritten.

Ich weiß kaum jemand will darüber reden. Es ist ein Tabu Thema. Es gehört sich nicht. Und man schämt sich vielleicht?

Es tut weh und man ist unendlich traurig darüber

Wir sehen unsere Eltern bis zu einem gewissen Alter als fehlerlose Geschöpfe an. Wir stellen sie auf ein Podest, das aber spätestens in der Pubertät zu bröckeln beginnt. Eine ganz normale Sache. Diese veränderte Sichtweise auf unsere Eltern ist notwendig  um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führen können. Eltern sind ja auch nur Menschen.

Es gibt aber auch Eltern, die fest der Meinung sind fehlerlos zu sein! Die glauben, immer alles richtig gemacht zu haben. Eine „Schuld“ einzugestehen, würde für sie niemals infrage kommen, den es würde bedeuten versagt zu haben. Und so kommt es in vielen Eltern – Kind Beziehungen bis ins erwachsene Alter dazu, dass Eltern nach wie vor ständig kritisieren und manipulieren. Und so passiert es nicht zu wenig, dass sich Töchter und Söhne auch noch als Erwachsene die Frage stellen: „Bitte was stimmt eigentlich nicht mit mir?“ Wir machen unseren Wert als Mensch nicht selten davon abhängig, wie Eltern uns behandeln. Ein trauriges Zugeständnis finde ich. :-(

Glaubenssätze, die falsch sind

Die ständige Kritik und die strafende „nicht Beachtung“ meiner Eltern machten mich als junges Mädchen schon nachdenklich. Früher fand ich natürlich keine Worte dafür. Für mich war es okay und normal. Ich bin der Meinung, dass Kinder einen Erwachsenen brauchen der Ihre Gefühle spiegelt. Kinder müssen sich selbst erkennen um später Ihre Gefühle regulieren zu können.

Ist das nicht der Fall, wird es im schlimmsten Fall so sein, dass Kinder die Art der Eltern übernehmen. Diese Verhaltensmuster wurden von den Großeltern auf die Eltern projiziert und wir übernehmen einfach weiter. Für mich allerdings ist es keine Entschuldigung.

Jeder von uns bringt eine Geschichte mit

Nach außen hin unscheinbar. Im Inneren jedoch ist es für viele sehr belastend. Ich kenne Frauen, die in einer Großfamilie aufgewachsen sind, und sie wurden als eines von vielen Kindern vernachlässigt. Die Eltern konnten keine Gefühle zeigen. Sie wurden von Mutter oder Vater ausgelacht, wenn ein Missgeschick passierte. Sie mussten schon sehr früh im Haushalt mit anpacken und nebenbei die lautstarken Streitereien des alkoholkranken Vaters mit anhören. Es blieb nur der Rückzug.

Jeder Mensch bringt seine Biografie mit. Wenn wir eines Tages selbst Mutter werden, werden wir alles daran setzen es besser zu machen. Leider sind Verhaltensweisen wie Abzugsbilder, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Weil einfach nichts erkannt wurde. Der Unterschied von „gesund und ungesund“ wurde nie erkannt. Seelische Störungen haben sich durch mangelnde Fürsorge entwickelt. Es ist ein Beispiel von vielen.

Wenn wir uns rückblickend noch immer verletzt fühlen …

Wenn wir uns als erwachsene Frau/Mann vom Verhalten der Eltern noch immer verletzt fühlen und keine Möglichkeit oder der Wille besteht, darüber zu reden … gemeinsam zu verändern, dann wird zwangsläufig die Frage auftauchen:

Lasse ich Euch los?
Oder lasse ich das jetzt los?

Auch ich hatte mir bewusst gemacht, dass ich mein Leben nicht mehr von meinen Eltern abhängig machen darf. Auch wenn es in der Kindheit einen Mangel an Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit gab, diese nachträglich einzufordern ist ein Ding der Unmöglichkeit!

Der Wert von Dir und mir ist nicht abhängig vom Verhalten unserer Eltern. Wir dürfen – NEIN wir MÜSSEN uns unbedingt klar darüber werden, dass wir liebenswerte Wesen sind. Wir sind genug und perfekt ist kein Mensch!

Selbstfürsorge und Selbstliebe sind dabei sehr hilfreich

Diese Eigenschaften helfen uns dabei. Allerdings wurden diese uns in den angeführten Fällen wahrscheinlich nicht mitgegeben. Wir müssen sie lernen. Ein harter aber sehr lohnenswerter Weg der sich auszahlt. Denn darauf zu warten, dass die Eltern ihr Kind irgendwann so annehmen wie es ist  und auch Ihre Freude zeigen … es wird nicht eintreten. ›leider‹

In Liebe aufatmen. Die „Schuld“ loslassen und um Vergebung  bitten. Das ist das, was ich tu. Denn oft ist es leider nicht (mehr) möglich, mit seinen Eltern ein ausführliches und klärendes Gespräch zu führen. Ein Kontaktabbruch gleicht für mich einer Ohnmacht, aber es ist auch die erste Maßnahme einer Veränderung. Wie die Veränderung aussieht, hängt von beiden Seiten ab. Hier bin ich … und da seid Ihr. 

Ich wünsche mir für jeden, dass sich die Karten neu mischen und sich neue gemeinsame Wege mit den Eltern auftun.
Für viele ist jedoch ein Kontaktabbruch zu den Eltern gut überlegt. Lassen wir die Vergangenheit los, befreien wir unser inneres Kind und beginnen wir uns selbst anzunehmen wie wir sind. Versorgen wir uns mit ausreichend Selbstliebe und verzeihen wir uns und anderen! <3

„Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen. Eltern verzeihen Ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie ihnen selbst anerzogen haben.“

Ich wünsche Dir eine schöne Zeit und wenn Du dazu eine Meinung hast … ich bin immer hier.

XOXO Sandra FrauenPunk

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2 Kommentare
  1. Anja
    Anja sagte:

    Liebe Sandra, ich mag Deine Blogeinträge sehr. Du sprichst vieles an, was ich selber so empfinde, ich ähnlich sehe oder ich aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann.
    So auch bei diesem Eltern-Kind-Thema. Meine Eltern waren sehr streng. Es gab viele Strafen, auch für Kleinig- oder Nichtigkeiten. Ich erinnere mich, dass ich ein kleines fröhliches Mädchen war. Als junge Frau war ich in mich gekehrt, ohne Selbstwert und ohne Selbstliebe. Der Weg zu der Frau, die ich heute bin, war schwer. Aber ich mag die Frau, die ich jetzt bin. Auch, wenn nicht jeder Tag gleich ist und es nicht immer mit der Selbstliebe funktioniert.
    Mein Vater hat zu mir früher oft gesagt, dass ich „zu blöd dafür bin“ und solche Sachen. Leider konnte ich mich mit ihm darüber nie sprechen, er starb schon vor vielen Jahren. Natürlich habe ich ihm verziehen und trage ihm nichts nach. Dennoch ploppen diese Sätze dann und wann hoch und ein Stück Unsicherheit wird mich immer begleiten. Das habe ich angenommen und akzeptiert. Das ist ja auch ein Stück Freiheit.
    Den Kontakt zu meiner Mutter habe ich auf ein Minimum reduziert. Erst im letzten Jahr meinte sie zu mir, dass sie mit mir nichts anfangen könne. Ich bin so anders…
    Was mal werden soll, wenn sie mal nicht mehr kann und Pflege benötigt? Keine Ahnung.

    Bei meinen eigenen Kindern habe ich es ganz anders gemacht. Sie wissen, dass ich sie liebe, dass ich mächtig stolz auf sie bin und ich sie in allem unterstütze, was sie auch machen.

    Vielen Dank also für Deine Worte! Danke, dass ich ok bin und so sein darf. Danke von Herzen und voller Dankbarkeit!
    Anja

    Antworten
    • Sandra
      Sandra sagte:

      Hallo Anja,
      Ich bin mir sicher das es ganz vielen Frauen genauso geht wie Dir, mir und vielen mehr!
      Ich finde es schön wenn Du verzeihen konntest, dass ist ein wichtiger Schritt um zu seinem
      „Seelenfrieden“ zu kommen :-).
      Die Situation mit Deiner Mutter ist kein schöner Ausgangspunkt und auch sehr verletzend.
      Ich kann das sehr gut nachvollziehen, glaube mir!
      Die Frage die Du Dir stellst (Pflege usw.) stelle ich mir auch sehr oft. Habe allerdings eine
      Antwort für mich gefunden.

      So alt kann Frau, Tochter gar nicht werden, dass es nicht mehr weht tut, denkt man genauer darüber nach.
      Ich danke Dir für Deine lieben Eingangsworte und für Deine Gedanken zu diesem sehr alltäglichen Thema.
      Pass gut auf auf Dich und bleib auf Deinem Weg …

      Sei lieb gegrüßt, Sandra

      Antworten

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