Warum alte Wunden im Heute weiterleben

Persönliches, Seelenleben

Geht es dir auch so? Hast du das Gefühl, du müsstest für alles und jeden verantwortlich sein – während du innerlich selbst längst leer bist? Hast du schon früh gelernt, zu funktionieren, statt zu fühlen? Und fragst dich heute, warum Nähe so verdammt schwer ist und dein Selbstwert sich anfühlt wie ein Kartenhaus? Wenn ja, dann willkommen in meiner Welt. In einer Welt, in der ich als erwachsene Frau lebe – und in der ein Teil von mir noch immer dieses Kind ist.

Diese Gefühle sind nicht ständig da. Aber wenn sie kommen, dann mit ganzer Kraft. Es überrollt mich. Zieht mich runter. Und von außen sieht man nichts. Ich funktioniere. Ich mache. Ich halte alles am Laufen. Und genau das ist das Problem.

Seit mehr als einem Jahr bin ich wieder in Therapie. Weil das Leben seine Spuren hinterlässt. Alte Themen klopfen nicht freundlich an – sie stehen irgendwann wieder mitten im Raum … mitten im Leben. Und sie gehen nicht, nur weil man sie einmal verstanden hat. Erkennen reicht nicht. Es verändert noch nichts!

Über 15 Jahre Therapieerfahrung – und trotzdem sitze ich wieder da. Tiefer und ehrlicher als je zuvor. Weil es diesmal nicht darum geht, etwas „wegzubekommen“. Es geht darum, zu „zielen“ mitten ins Schwarze. Ohne Ausreden. Ohne Ablenkung. Ohne das alte „Mach ich schnell“.

Heute nenne ich es beim Namen: emotionale Vernachlässigung.
Nach außen nicht Sichtbares. Keine merkbaren Wunden. Aber innen fehlt etwas, das nie ganz nachgewachsen ist.

Dieses Gefühl, nie wirklich zu genügen, sitzt tief. Es zieht sich durch Beziehungen, durch Entscheidungen, durch den Blick auf mich selbst. Nähe wird kompliziert. Grenzen fühlen sich falsch an. Verantwortung landet automatisch bei mir – auch dort, wo sie nichts verloren hat. Und im Hintergrund läuft dieser leise Gedanke wie leise Musik im Wiederholungsmodus mit: „Irgendetwas stimmt doch mit mir nicht.“

Und gleichzeitig ist mir klar, dass das nicht die Wahrheit ist! Ich weiß, woher diese Muster kommen. Ich weiß, dass sie einmal notwendig waren. Sie haben mich geschützt und sie haben immer funktioniert.
Heute aber, stehen sie mir im Weg. Und genau das ist der Punkt, an dem es ungemütlich wird.

Denn Wissen allein verändert kein Gefühl.
Du kannst alles verstehen – und trotzdem reagiert dein Inneres, als wäre nichts davon angekommen.

Da ist dieses Hin und Her.
Zwischen Klarheit und Rückfall.
Zwischen „Ich hab’s verstanden“ und „Warum fühlt es sich immer noch so an?“
Zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Reflex, mich zurückzuziehen, sobald der Raum kleiner wird.

Und dann ist da noch etwas, worüber kaum jemand spricht: dieses Trauern. Ein leises, klares Begreifen. Es hat etwas gefehlt. Punkt.
Eine Kindheit, die anders hätte sein sollen. Stabil und Haltgebend.

Es geht dabei NICHT um Schuldzuweisungen. Die bringen nichts.
Aber es geht um Wahrheit. Die sehr schmerzhaft sein kann, mehr weh als alles andere.

Der eigentliche Weg beginnt genau hier:
Nicht im Wegdrücken.
Nicht im Schönreden.
Sondern im klaren Hinschauen!

Alte Loyalitäten hinterfragen. Grenzen setzen, auch wenn es sich falsch anfühlt. Verantwortungen zurückgeben. Und Schritt für Schritt einen Selbstwert aufbauen, der nicht davon abhängt, wie sehr ich für andere funktioniere und SEIN kann.

Und vor allem: mir selbst das geben, was ich so lange immer irgendwo im Außen gesucht habe.

Das ist kein schöner Prozess. Das ist Arbeit. Ehrliche, manchmal verdammt anstrengende Arbeit. Es braucht Geduld und den Willen. Und es braucht die Bereitschaft, sich selbst dabei auszuhalten.

Was ich in all den Jahren gelernt habe, passt heute in einen einzigen Satz:
Heilung bedeutet nicht, das Vergangene ungeschehen zu machen. Heilung bedeutet, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen – und sich das zu geben, was gefehlt hat.

Und genau hier stehe ich.
Das Ziel weit entfernt. Mit wenig Sonne und ganz viel „Bewölkung“.
Wieder einmal mittendrin.

„Mit dem Älterwerden wird vieles einfacher …“ – sagen sie.
Ich sehe das etwas anders. Es wird klarer. Und manchmal auch härter.
Momentan fühlt sich mein Leben an wie Schichtarbeit. Zu viel Arbeit.  Wenig Pausen und zu wenig Schlaf und Ruhe im Kopf.
Aber ich gehe da durch. Ganz bewusst!
Weil ich weiß, dass der Lohn dafür kein oberflächlicher ist. Sondern einer, der bleibt und ein neues Lebensgefühl gleich mitliefert.

Wenn du meine Worte verstehen konntest, dann hat dieser Text genau das getan, was er sollte.
Und wenn du jemanden kennst, der diese Worte gerade braucht – dann gib sie weiter.
Und wenn du etwas dazu sagen willst – dann bitte tu es. 🙂

Danke, dass du mir deine Zeit geschenkt hast.
Bis bald, wenn du magst …

Xo Sandra

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2 Kommentare

  1. Claudi

    Hallo liebes, mir geht es ganz genauso wie dir. wenn man als Kind keine liebe bekommen hat, dafür aber die Verantwortung für das wohl der Mutter und des Bruders und in einem sehr dysfunktionalen System aufgewachsen ist, wobei Wachstum gebremst wurde und Bedürfnisse nicht gesehen wurden, dann manifestieren sich Glaubenssätze wie „ich bin nicht genug“ und “ ich muss so oder so sein damit man mich lieb hat“ “ ich muss mir einfach noch mehr Mühe geben eine gute Tochter zu sein, dann hat Mutti mich vielleicht auch irgendwann lieb“… es ist im Unterbewusstsein fest, auch wenn man immer wieder versucht diese Wahrheit (die definitiv falsch ist) umzuschreiben. man wurde zudem darauf gepolt die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu sehen und sie umgehend zu erfüllen. es war eine Überlebensstrategie. mittlerweile kann ich immer öfter grenzen setzen. und mittlerweile fällt es mir auch leichter und fühlt sich manchmal sogar richtig gut an. ich verbringe heute auch gerne qualititime mit mir selbst, früher undenkbar. ich habe gelernt mich gerne zu haben und mich auch zumindest ab und zu zu meiner Priorität zu machen. es ist mal leichter und mal nicht. ich habe vieles aus der Vergangenheit losgelassen und tue es teilweise immernoch. im Moment Male ich wieder um zu verarbeiten. es ist ein Bild welches aus drei einzelnen Bildern besteht: eine kleine Pflanze in einem dunklen Raum die am wachsen gehindert wird, durch äußereUmstände. dann die entwurzelung und Hände (meine eigenen Hände) die sie tragen und umsetzen auf eine Wiese auf der es hell und freundlich ist und wo andere Blumen stehen. die Wahlfamilie. hier kann ich wachsen und frei sein…

    Antworten
    • Sandra

      Liebe Claudi,

      Danke für deine ehrlichen Worte! ❤️
      Beim Lesen deines Kommentars spürt man sofort, wie viel Selbstreflexion, Schmerz, aber auch Entwicklung darin steckt. Gerade dieses Gefühl, schon als Kind lernen zu müssen, die Bedürfnisse anderer ständig im Blick zu haben, um irgendwie Liebe, Sicherheit oder Anerkennung zu bekommen, prägt uns oft viel tiefer, als viele Menschen ahnen. Diese Glaubenssätze entstehen nicht, weil mit uns etwas „falsch“ war – sondern weil wir in einem Umfeld überleben mussten, in dem unsere eigenen Bedürfnisse zu wenig Platz hatten.

      Umso schöner und stärker finde ich es zu lesen, wie sehr du heute bereits für dich losgehst:
      Grenzen setzen. Zeit mit dir selbst genießen. Dich selbst wichtiger nehmen. Alte Muster erkennen. Das sind riesengroße Schritte – auch wenn sie sich im Alltag manchmal klein anfühlen.

      Und dein Bild …
      Ganz ehrlich: Das klingt unglaublich berührend und symbolisch stark.
      Diese kleine Pflanze im dunklen Raum, die entwurzelt wird und schließlich an einen hellen Ort kommt, an dem sie wachsen darf – das beschreibt Heilung oft viel ehrlicher als tausend kluge Worte. Besonders der Gedanke mit den eigenen Händen, die die Pflanze tragen, hat mich sehr bewegt. Denn irgendwann beginnt genau das: Dass wir selbst anfangen, uns dorthin zu bringen, wo Wachstum möglich wird.

      Und wie schön ist bitte dieses Wort: Wahlfamilie.
      Menschen, bei denen wir nicht funktionieren müssen, um bleiben zu dürfen.

      Danke, dass du das hier so offen geteilt hast. Ich bin mir sicher, dass sich viele darin wiederfinden werden.

      Alles LIEBE und danke das DU mich gelesen hast!
      SANDRA 🙂

      Antworten

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