Alltagsgeschichten 2

Ich bekam eine „spezielle“ Zimmerkollegin 🙂

Da standen wir beide nun … Sie mit ihrem roten Schopf, den übergrossen freundlichen Augen, ein wie gesagt breites Grinsen im Gesicht, das ich mir hier irgendwie gar nicht vorstellen konnte, jemals zu haben … und dann waren noch ihre verbundenen Arme, von denen sie mir einen entgegenstreckte und sagte „DAS hab ich mir gewünscht, schon als ich dich das erste Mal sah!“

Sie meinte damit wohl den Tag vor 2 oder 3 Wochen an dem eine erste Besprechung hier auf der Station statt fand. Wir sollten uns kurz vorstellen und unsere „Geschichte“ erzählen. An die Station selbst konnte ich mich überhaupt nicht erinnern. Was auch kein Wunder war, denn ich stand sowas von neben mir und hab schon beim Erzählen der Anderen so geweint, dass sie mich verschont haben und ich nicht ausführlich über mich zu berichten musste … Die Stationsschwester meinte dann „Wir werden sicher noch die Gelegenheit haben mehr über Frau Sandra L. zu erfahren – beim nächsten Zusammensein“ … Das war alles was bei mir von dieser Stunde hängen geblieben ist.

Ein „Aha“ kam von mir und ich gab ihr ebenfalls die Hand und entschied, besser gesagt sie entschied, beim Du zu bleiben. S.R war 24 Jahre und gehörte zum Inventar der Station, da sie alle paar Monate hier landete, wie sie mir erklärte. Sie war klein, pummelig und hatte eine extrem grosse Oberweite. Quetschte sich aber scheinbar gerne in sehr enge Kleidung, wie mir vorkam. Blümchen und Wölfe dürfte sie bevorzugen, ein Mustermix der mir weh tat! UND, sie bevorzugte Frauen. Reifere Frauen, wie sie mir später mal erzählte. Jetzt verstand ich auch weshalb sie sich so freute, mich als Zimmerkollegin zu haben …

Einfach setzten und essen? So funktionierte das nicht!

Das Ganze hatte auch einen Vorteil, S.R. kannte sich hier aus und ich wusste schneller als alle anderen Neuen wie vieles hier abläuft. DAS war aber schon das Einzige. Während ich mein Bett bezog überrollte mich die nächste Panikattacke. Ich bekam so gut wie keine Luft und mein Körper machte nicht was ich ihm sagte. Ich stellte mich für ca. 15 min unter die eiskalte Dusche. Mit blauen Lippen und taubem Körper machte ich fertig. Um 11.30 gab es Mittagessen. Erst da verließ ich das Zimmer. Schnappte mir mein Essen das mit meinem Namen versehen war und nahm den ersten freien Platz wo rund um mich keiner saß. So hätte ich es zumindest vorgehabt. Kaum stand das Tablet am Tisch hörte ich schon eine Stimme die sehr bestimmt zu mir sagte „He, hier geht gar nix, da sitzen andere und das ist mein Platz!“ Ein weiteres Mal hätte ich am liebsten meinen Koffer gepackt und wäre heim gefahren, so dermassen ging mir das alles hier auf den Nerv! Eine 21 jährige Tussnelda mit angewachsenen Handy am Ohr, blond-pinken Haaren und endlos langen falschen Fingernägel war es, die  MIR so doof kam und mich noch dazu von hinten anzischte!

Wo bin ich hier nur gelandet, dachte ich mir an diesem Vormittag schon zum 10 Mal!? Es gab nur 2 Möglichkeiten, ich suche mir einen anderen Platz oder ich platziere mein Essen direkt in ihr Gesicht, worauf ich grosse Lusst gehabt hätte! Tat ich aber nur gedanklich. Mich erinnerte das Ganze sehr stark an die Serie Frauen hinter Gitter, diese Rangordnung, die es hier irgendwie gab … zumindestens habe ich es an diesem Tagen so empfunden…

Das rote Sofa machte ich zu „meinem“

Ich redete nichts, nur wenn ich musste. Den Therapieplan hatte ich bereits und die ganze Station von 20 Menschen wurde in 2 Gruppen geteilt. Also machte ich die vorerst sehr rar eingeteilten Therapien, die hauptsächlich aus vielen Gesprächen bestand, lernte MEINE Psychologin und meine Bezugsschwester kennen. Mehr wollte ich auch gar nicht kennen und wissen. Es gab  ein rotes Ledersofa welches ich in Beschlag nahm. Es wurde nämlich nicht gern gesehen wenn man zu lange am Zimmer war (gerade am Anfang). Das war eigentlich der perfekte Platz für mich. Es stand in einer Ecke – abseits und ich konnte aus einer guten Distanz zu den anderen alles überblicken, ausserdem fühlte ich mich durch die Wände in meinem Rücken „geschützt“ (klingt doof, war aber so). Es hatte jedoch auch den Nachtteil, dass mich das Pflegepersonal hier besonders gut beobachten konnte!

Die einzige Person, der ich etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte war Evi. Eine 24 jährige, die mit Nahrung und Essen ein Problem hatte. Ihre Nahrung bestand hauptsächlich aus Kaffee und Zigaretten. Sie brachte gerade mal 40 kg auf die Waage, war sehr ruhig und schlief sehr viel. Ein sehr hübsches Mädchen, um die ich mir sofort Sorgen machte! Mein „Helferlein“ machte sich wieder bemerkbar. Ich beneidete sie um ihre wunderschönen langen Haare und musste dabei immer an meine Tochter denken, beide waren im selben Alter. Evi war schon sehr lange auf der Station …

So vergingen die ersten Tage wenn ich Zeit zwischen den Therapien hatte. Lesend, aber meistens mit Kopfhörer auf  „meiner“ roten Bank sitzend, ohne Gefühl und Mimik. Seltsamer Weise traute sich sowieso keiner mich anzureden. Selbst das Blondchen mit den langen Krallen hielt ihren Mund als ich ihr bei der zweiten blöden Anmache sagte, sie solle ihren Text der Wand widmen, weil MICH das Null juckt was sie da von sich gibt! Es war sehr klug sich daran zu halten, denn ich war zu diesem Zeitpunkt leicht gereizt und musste das auch manchmal herauslassen! Zwei Tage darauf brach sie freiwillig den Aufenthalt ab, mehr wusste ich von ihr nicht.

Mit dem Aufnahmetag kam eine Veränderung

Dienstag und Mittwoch waren jeweils die Aufnahmetage auf der Station. Und so saß ich wieder auf meinem roten Sofa und beobachtete wer denn so eintrudelte. Ein junger Mann brachte seine Frau, Freundin oder Mutter, ich hatte keine Ahnung, auf das Zimmer. Eine Menge Taschen und Koffer folgten. Es war Meli, 39 Jahre, Mutter von 4 Kindern und der junge Mann war ihr Freund. Melanie, die mir sofort sympathisch war als wir uns vorstellen. Ihr kurzer blonder Schopf und ihr Undercut passten zu ihr. Sie erinnerte mich ein wenig an Pink … Der erste Eindruck war resolut, direkt und sie schien mir nicht unglücklich. Das aber auch SIE ein Problem haben musste, war mir klar …

Dann trudelte Königin Gabriela ein. Eine quirlige dunkle Frau, die ebenfalls die Leidenschaft zur hautengen, körperbetonten Mode hat. Sie erinnerte mich so sehr an Betty Boop 🙂 . Ihre roten zugespitzten Lippen, die kleine Stupsnase und ihr freundliches Gesicht, mochte ich irgendwie. Aufgefallen ist mir ihre Ausdrucksweise – gewählt mit Akzent. Charmant wie ich fand. Sie ist alleinerziehende Mum von ebenfalls 4 Kindern und ebenfalls 40 Jahre. Der Eindruck den ich von ihr hatte war für mich schwer einzureihen. Sie war laut, extrem hektisch und fühlte sich sofort angegriffen wenn man sie nur zu lange ansah. Was ihr „Ventil“ war, wusste ich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Die Details wurden erst abends und in den nächsten Tagen langsam ausgetauscht. Jedenfalls begann ab diesen Tag eine intensive innige Freundschaft … aber DAS … wussten wir jedoch alle selber auch noch nicht!

Kennst du schon die weiteren Teile der Alltagsgeschichten?
Alltagsgeschichten B102 #1
Alltagsgeschichten B102 #2
Alltagsgeschichten B102 #3
Alltagsgeschichten B102 #4
Alltagsgeschichten B102 #5
Alltagsgeschichten B102 #6
Alltagsgeschichten B102 #7
Alltagsgeschichten B102 #8
Alltagsgeschichten B102 #9
Alltagsgeschichten B102 #10

XOXO Sandra FrauenPunk

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